Die Evakuierten aus der Severinstraße

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Deutsche Presse-Agentur

Mindestens 38 Menschen haben nach dem Einsturz des Stadtarchivs in der Severinstraße ihre Wohnungen verloren. Ihre Häuser wurden ebenfalls in die Tiefe gerissen oder waren einsturzgefährdet und mussten vorsorglich abgerissen werden.

Viele der Betroffenen haben Zuflucht in einem Hotel in der Nähe gefunden. Hier wurde nach dem Unglück auch eine zentrale Anlaufstelle der Stadt und der Verkehrsbetriebe KVB eingerichtet. „Ich habe eine Arbeitskollegin in den vergangenen Tagen aufgenommen“, sagt Magdalena Drenske (62). Verstohlen zeigt sie auf eine Frau, die an der Hotelrezeption telefoniert und einen blauen Koffer neben sich stehen hat. Es sei aber besser, nicht mit ihrer Freundin über die vergangenen Tage zu sprechen.

Denn die Nerven der Menschen aus der Kölner Severinstraße liegen blank. Drenske erzählt, ihre Freundin habe um halb eins in der Nacht zum Freitag einen Anruf der Feuerwehr erhalten, sie solle sofort zu ihrem Haus kommen. Dort erfuhr sie, dass sie ein letztes Mal ihre Wohnung betreten durfte, um schnell einige Sachen zusammenzupacken. Danach sollte das Haus abgerissen werden.

„Ich habe die letzte Chance verpasst, in die Wohnung zu gehen“, sagt Marco Schönecker (37), Bewohner des abgerissenen Hauses Nummer 232. In der Nacht zum Freitag habe er zum ersten Mal seit dem Unglück durchgeschlafen - und den Anruf der Feuerwehr verpasst. Zum Glück holte eine Nachbarin einige Sachen aus seiner Wohnung, doch die ersten Dinge fehlen ihm bereits. „Ich vermisse Bilder, Persönliches.“

Beschweren wolle er sich aber nicht, betont Schönecker. Er lobt Feuerwehr, Polizei und das Deutsche Rote Kreuz. Auch die Vorleistung von 10 000 Euro habe er bereits erhalten. Aber selbst damit lasse sich der alte Lebensstandard nicht wieder herstellen. Für die unmittelbar Betroffenen wurden nach KVB-Angaben insgesamt eine Million Euro bereitgestellt.

Schönecker hat nicht wie viele andere das Angebot der Stadt angenommen, in dem Hotel an der Severinstraße zu übernachten. Er schläft bei seinen Eltern in Euskirchen. Doch abends findet er sich meist bei der zentralen Anlaufstelle ein. Mitarbeiter von Stadt und KVB beantworten dort Fragen. Es wird psychologische Betreuung angeboten und mit Hilfe des städtischen Wohnungsamts nach neuen Wohnungen gesucht.

Alles, was über diese ersten Hilfen hinausgehe, bezeichnete Schönecker jedoch als „ungewiss“. Welche Versicherung genau für die Schäden einspringe, sei zum Beispiel noch nicht klar. Schönecker versucht, trotzdem auch an andere Dinge zu denken. Er sei auch nach dem Unglück jeden Tag zur Arbeit gegangen, das habe er auch in der nächsten Woche vor. „Meine Schüler stehen schließlich vor den Abiturprüfungen“, sagt der Lehrer.

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