Die erste Landesgrenze naht

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In Dorfen trifft Felix Stein (links) Johann Grasser, der ebenfalls schon nach Jerusalem gepilgert ist.
In Dorfen trifft Felix Stein (links) Johann Grasser, der ebenfalls schon nach Jerusalem gepilgert ist.
Schwäbische Zeitung

Felix Stein wandert 5824 Kilometer von Oberschmeien nach Jerusalem. Er begeht den längsten Friedensweg der Welt, der durch neun verschiedene Länder verläuft. Im Mai will er in der „heiligen Stadt“ ankommen. Im ersten Teil seiner Kolumne für die „Schwäbische Zeitung“ berichtet er von seiner zweiten Etappe, der Ankunft in München.

„Glücklich und vergnügt war meine Ankunft“, waren bereits Wolfgang Amadeus Mozarts Worte in Bezug auf das schöne München. Und so erging es auch mir, als ich in die bayerische Landeshauptstadt lief. „Ein liederliches, sittenloses Nest voll Fanatismus, Grobheit, Kälbertreiber, voll Heilgenbilder, Knödel, Radiweiber...“ laut Gottfried Keller. Ja – vielleicht... Aber keineswegs nur. Neben dem Ganzen und dem hektischen Großstadtdschungel haben München und seine Umgebung so viel mehr zu bieten. Ein Besuch im Deutschen Museum lässt Geschichte erfahrbar werden. In ergreifender, schockierender, schmerzender Weise tat dies für mich auch das KZ Dachau. Doch auch Münchens Kneipen sind immer wieder einen Besuch wert. Insgesamt hatte ich bei Freunden und Verwandten drei Tage in der Landeshauptstadt verbracht, bevor ich sie wieder hinter mir ließ und voller Tatendrang weiter nach Erding zog. Helmut Dietl hätte Deutschland hiermit bereits durchquert und wäre im Ausland angekommen – ich würde es erst an der österreichischen Grenze geschafft haben.

Treffen mit Gleichgesinntem

In Erding hatte ich das Glück, gleich eine Schlafgelegenheit über Couchsurfing gefunden zu haben. Nach einem leckeren Abendessen und tollen Gesprächen mit meiner Gastgeberin brach ich am darauffolgenden Tag Richtung Dorfen auf, wo ich mich mit Johann Grasser verabredet hatte. Der pensionierte Polizist war im Jahr 2003 selbst nach Jerusalem gepilgert. Er nahm mich in Dorfen in Empfang und brachte mich in seinen Heimatort Sankt Wolfgang. Es war schön, mit einem Gleichgesinnten Erfahrungen auszutauschen. Nach dem gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen brachte mich Johann zurück nach Dorfen. Er begleitete mich von dort aus noch eine Stunde zu Fuß auf meinem Weg, ehe wir uns voneinander verabschiedeten. Erst nach 41 kräftezehrenden Kilometern endete meine Tagesetappe in Tüssling. Tags darauf sah ich mir dann den Wallfahrtsort Altötting genauer an. Ein hübsches Städtchen und genau der richtige Ort für meine letzte Nacht in Deutschland.

Am Tag meiner ersten richtigen Grenzüberquerung hatte ich stetig den Inn an meiner Seite. Ich lief vorbei an Marktl, der Geburtsstadt Georg Ratzingers, bis Simbach, von wo aus eine Brücke ins österreichische Braunau führt. Mein Weg über die Brücke war ziemlich emotional. Die Freude darüber, das erste Land meiner Reise durchquert zu haben, ließ mich fröhlich pfeifen und eine Gänsehaut am ganzen Körper bekommen. Die Kehrseite des erfreulichen Tages: Das anhaltende Regenwetter hatte meiner aufkeimenden Erkältung zum Durchbruch verholfen. Der Himmel schickte Maximus, Braunaus Kaplan aus Afrika, welcher mich einlud, zwei Nächte im Pfarrhaus zu nächtigen. Vor meinem Aufbruch aus Braunau beschloss ich noch, Hitlers Geburtshaus aufzusuchen, wenn auch auf die Gefahr hin, dass dadurch wieder die abscheulichen Bilder aus Dachau in meinem Kopf präsent werden würden. Als ich Kaplan Maximus fragte, wo sich das Haus denn befinde, lachte der nur und zeigte auf die andere Straßenseite – ich war also schon mehrfach unwissentlich daran vorbeigegangen...

Von Braunau ging es über Altheim und Ried nach Vöcklabruck, wo ich bei einer Bekannten vom Jakobsweg übernachten durfte. Voll schöner Erinnerungen führte mich mein Weg weiter bis Wels zu einer Matratze, die ich erneut mittels Cochsurfing in einer Studenten-WG organisieren konnte. Hier verbringe ich mit frisch gebackenen Bacheloranten nun den Abend, voller Erwartung, welche Erlebnisse und Begegnungen Linz oder Wien bringen werden, und freudig vorausschauend auf abwechslungsreiche Landschaften wie die Wachau. Bald werde ich auch die nächste Landesgrenze überschreiten, und meine Füße ungarischen Boden kennenlernen. Haben Sie Lust, mir über meine Berichte in der „Schwäbischen Zeitung“ hinaus zu folgen? Besuchen Sie meinen Blog auf www.withthedove.com oder mein Instagram-Profil mitdertaube.

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