Auch im Ostalbkreis ist sexueller Missbrauch an Kindern bittere Realität - das zeigten die jüngsten Zahlen im Jugendhilfeausschu
Auch im Ostalbkreis ist sexueller Missbrauch an Kindern bittere Realität - das zeigten die jüngsten Zahlen im Jugendhilfeausschuss. (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung

„Bittere Realität auch bei uns“ und kein Tabuthema, sondern eines, das die Öffentlichkeit brauche, sei der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, hat Landrat Klaus Pavel am Mittwoch im Jugendhilfeausschuss des Kreistags festgestellt. Dort hat Astrid Hark-Thome, die Leiterin der Kontaktstelle gegen sexuellen Missbrauch, von 58 Anzeigen im Ostalbkreis im Jahr 2012 berichtet. Unter Berücksichtigung einer hohen Dunkelziffer müsse jedoch von 800 bis 1000 Kindern und Jugendlichen ausgegangen werden, die im Kreis von sexualisierter Gewalt betroffen seien.

Anhand von Fallbeispielen berichtete Hark-Thome im dabei betroffen stillen kleinen Sitzungssaal des Aalener Landratsamts aus ihrer Arbeit, erklärte, wie etwa spieltherapeutische Sitzungen mit betroffenen Kindern ablaufen und machte aber auch deutlich, dass die Kontaktstelle kein Detektivbüro sei. „Die Ermittlung ist Sache der Polizei“, betonte die Diplom-Psychologin, die seit rund 20 Jahren im Kreis auf diesem Gebiet arbeitet.

1990 war im Ostalbkreis der Arbeitskreis gegen sexuelle Gewalt gegründet worden. Von 1996 bis 2004 war die Kontaktstelle dann beim Kinderschutzbund in Aalen angesiedelt, 2005 wurde sie in die Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Kreises eingegliedert. Seit 1997 hat die Kontaktstelle 713 Fälle bearbeitet, allein von 2003 bis 2012 waren es 516. Hark-Thome sprach daher von einem tendenziellen Anstieg. Dreiviertel der Opfer seien weiblich, in zwei Dritteln der Fälle geschehe der Missbrauch mehrfach. Von den 516 Gesprächskontakten seit 2003 betrafen 48 Prozent den Aalener, 19 den Ellwanger, 15 den Schwäbisch Gmünder und elf den Bopfinger Raum. In 34 Prozent der Fälle handelte es sich bei dem vermuteten Täter um den Vater oder Stiefvater beziehungsweise Lebenspartner der Mutter, 32 Prozent stammten aus dem Bekanntenkreis der Familie, 23 Prozent aus der Verwandtschaft. „Wir sollten in unseren Anstrengungen nicht nachlassen, jedes Kind ist eines zu viel“, verwies Hark-Thome schließlich auch auf die Prävention wie etwa das Projekt „Mut zur Stärke“ oder das 2011 ins Leben gerufene „Sexueller Missbrauch Expertenteam“ (SMET), bei dem Fachkräfte aus der Kinder- und Jugendbetreuung und -arbeit bei Verdachtsfällen selbst Rat und Hilfe erfahren können.

Alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun hätten, so appellierte Kreisrat Bernhard Richter (SPD), sollten wachsam sein und ihre Augen nicht verschließen. Seine Kollegin Regina Gloning (CDU) trieb unter anderem die sehr hohe Dunkelziffer um. Landrat Pavel schloss sich allen Appellen am Ende an: „Nicht wegschauen, sondern hinschauen“ sei hier oberstes Gebot.

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