„Die Athletik der Fußballer nimmt einen immer größeren Stellenwert ein“

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Yann-Benjamin Kugel (rechts) kümmert sich als Fitnesstrainer um den körperlichen Zustand der deutschen Fußball-Nationalspieler w (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 gehört Yann-Benjamin Kugel fest zum Trainerstab der deutschen Nationalmannschaft. Zusammen mit Shad Forsythe betreut der 32-Jährige die Mannschaft bei jedem Spiel. So auch bei der gerade laufenden Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Unser Redakteur Thorsten Kern hat dem Fitnesstrainer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein paar Fragen ins Mannschaftshotel der Deutschen nach Danzig schicken können.

SZ: Herr Kugel, wie sieht der Tag eines DFB-Fitnesstrainers während der EM aus?

Yann-Benjamin Kugel: Während des Turniers können von unserer Seite natürlich nicht mehr die hohen Trainingsreize gesetzt werden wie etwa in der Vorbereitung. Jetzt sind wir in erster Linie dafür zuständig, das Aufwärmprogramm vor den Trainingseinheiten durchzuführen. Darin bauen wir immer wieder Elemente aus den individuellen Einheiten der letzten Wochen ein, um etwa Sprintbewegungsabläufe weiter zu automatisieren. Des Weiteren arbeiten wir individuell mit den Spielern vor und nach den Einheiten und sind für das Regenerationstraining nach den Spielen zuständig.

SZ: Ist die zerstückelte EM-Vorbereitung eine besondere Herausforderung für Sie als Fitnesstrainer gewesen?

Kugel: Mit Sicherheit. Wir mussten aufgrund der verzögerten Anreise einiger Spieler unser Programm noch gezielter ausrichten. Aber genau das macht ja mitunter auch den Reiz meines Berufs aus. Die Trainingsperiodisierung und -durchführung für diese Vorbereitung war eine positive Herausforderung.

SZ: Gibt es ein spezielles EM-Programm für die zuletzt verletzten Miro Klose und Per Mertesacker?

Kugel: Während der Vorbereitung haben wir immer wieder mit bestimmten Spielern individuelle Einheiten absolviert, um an eventuellen Defiziten, etwa nach Verletzungspausen, zu arbeiten. Miro und Per sind rechtzeitig zum Turnierstart auf absolutem Topniveau gewesen..

SZ: Aus wie vielen Fitnesstrainern besteht das DFB-Team?

Kugel: Unser Team besteht während der Vorbereitung aus vier Fitnesstrainern und während des Turniers aus drei. Meine Kollegen Shad Forsythe und Darcy Norman arbeiten wie ich für das US-amerikanische Unternehmen Athletes Performance, deren Gründer Mark Verstegen uns in der Vorbereitung unterstützt.

SZ: Bekommen Sie von Land und Leuten etwas mit oder sind Sie die ganze Zeit im Mannschaftshotel oder im Stadion?

Kugel: In unserem Trainingscamp in Danzig hat man schon hin und wieder die Möglichkeit, mal das Gelände zu verlassen. Wir gehen mit den Trainern beispielsweise, wenn es die Zeit erlaubt, in den angrenzenden Wäldern Mountainbike fahren. In den Spielorten ist es eher schwierig, aber ich versuche schon immer, mir einen kleinen Eindruck der Stadt, in der wir spielen, zu verschaffen. Shad Forsythe und ich haben dafür ein Ritual: Am Morgen des Spiels machen wir unseren obligatorischen „Matchday-Run“ durch die Stadt, in der wir spielen.

SZ: Was sind bislang Ihre schönsten Erfahrungen beim DFB?

Kugel: Bisher war das sicherlich die Weltmeisterschaft in Südafrika (2010, die Redaktion), aber auch die Zeit der Vorbereitung bisher und alles, was jetzt noch kommt, ist absolut positiv.

SZ: Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Thema Fitness im Trainingsalltag der Fußballer in den letzten Jahren verändert? Was hat Jürgen Klinsmann in diesem Zusammenhang bewirkt oder verändert?

Kugel: Die Athletik der Spieler nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. Diese Entwicklung trägt mit Sicherheit auch der Menge und Intensität der Spiele Rechnung, die ein Spieler heute im Gegensatz absolviert. Jürgen Klinsmann hat für die Gilde der Athletiktrainer mit Sicherheit eine Tür aufgestoßen. Hier in der Nationalmannschaft erfahren wir eine hohe Wertschätzung, allen voran von Jogi Löw und Co-Trainer Hansi Flick. Dieses Vertrauen in die Arbeit und Kompetenz der Fitnesstrainer ist im Profifußball heutzutage Voraussetzung für eine erfolgreiche Mannschaft.

SZ: Welche Rolle spielt die Fitness im Fußball? Wie wichtig ist sie im Gesamtpaket „Fußball-Profi“?

Kugel: Wie in jeder anderen Sportart gibt es bestimmte athletische Leistungsanforderungen, die den besten Fußballer in seiner Leistung beschränken. Bin ich in der Lage, mit kurzen Erholungspausen wiederholt Sprints von fünf bis 20 Metern zu absolvieren? Wie schnell sprinte ich, wie ist mein Körper, meine Muskulatur auf die Belastung vorbereitet? Diese Faktoren sind nur Beispiele für eine Menge Voraussetzungen aus dem Bereich des Athletiktrainings.

Der Fitnesstrainer: Von 2008 bis zum Ende der abgelaufenen Saison war Yann-Benjamin Kugel Fitnesstrainer beim Fußball-Bundesligisten Werder Bremen. Nun hat sich der 32-Jährige, der in Troisdorf bei Köln geboren wurde, entschlossen, eine neue Herausforderung neben seiner Arbeit mit der Nationalmannschaft anzunehmen. Nach seinem Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln (Sportwissenschaften mit Schwerpunkt „Training und Leistung“) arbeitete Kugel zunächst in Spanien als Leistungsdiagnostiker und Personal Trainer, bevor er zurück nach Deutschland zu Werder Bremen kam.

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