Deutsche Rotweine: Wiederentdeckung in Assmannshausen

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Deutsche Presse-Agentur

Der Winzer Werner Näkel strahlt: „Das gibt mir Mut, morgen in den Keller zu gehen und alte Flaschen aufzumachen!“ Der schnauzbärtige, fröhliche Weinbauer keltert in Dernau an der Ahr in Rheinland-Pfalz einen der besten modernen deutschen Rotweine.

Und nun hat er zusammen mit anderen Winzern und Experten auch noch die vor 50 Jahren abgebrochene deutsche Rotweintradition wiederentdeckt. Weinprobe im Kloster Eberbach der Hessischen Staatsweingüter in Eltville im Rheingau: 15 Jahrgänge des Spätburgunders „Assmannshäuser Höllenberg“ von 1921 bis 1959 werden im Vergleich zu ebenso alten Spitzenburgundern aus Frankreich verkostet. Dabei zeigt sich der deutsche Rotwein den großen Franzosen ebenbürtig. Und das beim Vergleich mit Weinen, deren Namen den Kenner zum Träumen bringen: 1957er „La Tâche“, 1947er „Clos de Vougeot“, 1937er „Bonnes Mares“, 1928er „Gevrey Chambertin“.

„Wir wollten zeigen, dass Deutschland eine große Rotweintradition hat, die man wieder beleben kann“, sagt der Geschäftsführer von Kloster Eberbach, Dieter Greiner, der die Verkostung zusammen mit dem Weinmagazin „Fine“ organisierte. Nur er konnte dies. Denn nur das 1924 von den Preußen als Musterbetrieb erbaute Weingut Assmanshausen besitzt noch so viele alte deutsche Rotweine.

Die Spitzenlage „Höllental“ ist ein steiler Südhang aus violettem Phyllit-Schiefer etwas abseits des Rheins. Der Boden und ein günstiges Mikro-Klima mit starken Temperaturschwankungen sorgen für einen gehaltvollen Spätburgunder mit Frucht, feiner Säure und großem Reifepotenzial.

Winzer Näkel wurde mit Joachim Heger vom Kaiserstuhl, Bernd Phillipi aus der Pfalz und Paul Fürst aus Franken zur Verkostung geladen - alle vier Pioniere des deutschen „Rotweinwunders“. Diese Weinbauern haben vor 25 Jahren begonnen, wieder trockene und konzentrierte Spätburgunder zu erzeugen - nach zwei Jahrzehnten mit dünnen und lieblichen Massenweinen. Mit Assmannshäuser Weinen der 60er bis 80er Jahre hätte man deshalb gar nicht zum Vergleich mit den Franzosen antreten können.

Näkel hat noch alte Weine aus den 50er Jahren im Keller. Sein Name steht auch für die wachsende internationale Anerkennung der deutschen Rotweinerfolge. Sein „Dernauer Pfarrwingert“ gewann im vergangenen Jahr den begehrten World-Wine-Award für Burgunder des Fachmagazins „Decanter“ - gegen die besten Weine aus Burgund und Übersee.

Diesen Erfolg bestätigt die Verkostung im Kloster Eberbach nach Meinung der britischen Weinautorin Jancis Robinson eindrucksvoll. Auch Robinson begeistert sich als neutrale Testerin in Eberbach an den oft erstaunlich frischen und immer noch fruchtigen Weinen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Manche „Assmannshäuser“ riechen nach Minze und Räucherspeck, großartig die 1937er und 1947er.

Die vielbeschäftigte Testerin Robinson, die ihre Eindrücke gleich ins Notebook notiert, sieht aber auch den Wettkampf-Vorteil der deutschen Weine: Sie lagen Jahrzehnte im selben kühlen Keller des Gutes Assmannshausen und sind alle 30 Jahre neu verkorkt worden. Vor vier Monaten waren die Weine auch schon einmal vorgekostet worden. Die französischen Burgunder, meist Einzelflaschen aus privaten Kellern, hatten sicherlich weniger geruhsam reifen können. So waren einige Flaschen aus beiden Gruppen schon „tot“. Überraschend auch der Romanée-Conti 1923 aus Frankreich, während der parallel ausgeschenkte 1921er „Assmannshäuser“ noch erstaunlich frisch war.

Ob der ehrfürchtige Blick in die Weingeschichte nun eine Rotwein-Renaissance mit neuem Interesse für alte Spätburgunder einleiten kann, mag bezweifelt werden. Nur wenige Liebhaber und Händler kaufen junge deutsche Spitzenrotweine für 40 bis 50 Euro pro Flasche, um sie Jahrzehnte lang einzulagern. Die meisten großen Rotweine werden heute getrunken, bevor sie ihre schönste Reife erreicht haben.

Als der Eberbacher Oenologe Ralf Bengel beim Abendessen einen drei Jahre alten „Assmannshäuser Höllenberg“ entkorkt, sagt er es selbst: „Das ist schon ein bisschen Kindermord.“ Näkel und Kollegen war es gleich - sie sehen sich auf ihrem Weg in die Topklasse der Rotweine der Welt zusätzlich bestätigt.

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