Der D-Day und die Schatten der Gegenwart

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D-Day-Gedenken
D-Day-Gedenkveranstaltung in Portsmouth. (Foto: Andrew Matthews/PA Wire / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Christiane Jacke und Christoph Meyer und Silvia Kusidlo

Da sitzen sie aufgereiht: die Queen, der US-Präsident, die Kanzlerin, Frankreichs Präsident und die britische Premierministerin. Es ist D-Day-Jubiläum in Portsmouth - eine Gedenkfeier für jenen Tag vor 75 Jahren, an dem die Alliierten mit einer gewaltigen Militäroperation den Auftakt zur Befreiung Frankreichs und Westeuropas von den Nazis starteten. Mehr als ein Dutzend westliche Staats- und Regierungschefs sind dazu an die Südküste Englands gereist.

Es ist als Symbol der Einigkeit gedacht, als Ausdruck des unerschütterlichen Willens, eine Katastrophe wie den Zweiten Weltkrieg nie wieder zuzulassen.

Doch ganz so unerschütterlich sind die Bünde des Westens nicht. Das bleibt trotz aller Feierlichkeit an diesem Tag nicht verborgen. Ein Gradmesser dafür ist das Aufeinandertreffen von Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump - das erste seit mehreren Monaten. Und das fällt nicht sehr herzlich aus.

Bei der Gedenkfeier in Portsmouth wird die Geschichte von damals nacherzählt: von den verheerenden Kriegsjahren, die vor dem D-Day lagen, und von der gewaltigen Militäraktion der Alliierten, die eine Wende im Zweiten Weltkrieg einleitete. Damals brachen Zehntausende Soldaten von der britischen Küste auf in Richtung Frankreich, um das Land von den Nazis zu befreien, viele davon aus Portsmouth. Die Geschichte aus jenem Juni 1944 ist auch die Geschichte eines riesigen Blutvergießens.

In Portsmouth werden an diesem Tag Briefe und Erinnerungen von damals vorgetragen, Szenen nachgespielt. Auch die Regierungschefs halten keine Reden, sondern lesen Dokumente von damals vor: Trump verliest ein Gebet des damaligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, das der am Abend des 6. Juni 1944 per Radio mit den Amerikanern teilte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron liest den Brief eines jungen französischen Widerstandskämpfers vor, die britische Premierministerin Theresa May den Brief eines englischen Offiziers.

Eine große Bühne ist aufgebaut, Hunderte Gäste sind gekommen, darunter rund 300 D-Day-Veteranen. Sie sitzen auf den Rängen neben den Staats- und Regierungschefs. Nach der großen Feier treffen sie auf die Präsidenten und Premiers. Die Zahl der Veteranen wird mit jedem Jahrestag kleiner. Bald werden die Zeitzeugen nicht mehr da sein, die davon berichten können, was Nationalismus in seiner schlimmsten Form anrichten kann.

Auf der Tribüne in Portsmouth sitzen Merkel und Trump ein Stück weit getrennt voneinander. Zwischen ihnen sind First Lady Melania Trump und der griechische Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos platziert. Merkel schaut immer mal wieder zu Trump rüber, doch der scheint die Kanzlerin nicht recht wahrzunehmen.

Es ist das erste Mal seit Monaten, dass sich Merkel und Trump persönlich begegnen. Zuletzt sahen sie sich im Dezember. Die Kanzlerin war zwar vor ein paar Tagen zu einem Kurzbesuch in den USA. Aber zu einem Treffen mit Trump kam es nicht. Terminschwierigkeiten, hieß es zur Begründung.

Merkel hielt bei dem USA-Blitzbesuch eine Rede vor Absolventen der Elite-Universität Harvard. Und zwar eine, die als Abrechnung mit Trump zu verstehen war, ohne dass sie den Präsidenten nur ein einziges Mal erwähnte. Sie warb dort für internationale Kooperation statt nationaler Abschottung, für Offenheit, Respekt und eine gewissenhaften Umgang mit der Wahrheit.

Kaum möglich, all das nicht auf einen Präsidenten zu beziehen, der „Amerika zuerst“ zur obersten Maxime seiner Politik erklärt hat, der im Inland wie im Ausland Gegner attackiert und verunglimpft und für die Verbreitung von Unwahrheiten berüchtigt ist.

Trump dürfte von der Rede gehört haben. Der US-Präsident und die Kanzlerin hatten noch nie eine herzliche Verbindung, doch in Portsmouth wirkt ihr Aufeinandertreffen besonders kühl. Nach der Gedenkfeier treffen sich die beiden zu einem kurzen persönlichen Gespräch. Fotografen machen zum Auftakt Bilder, doch die beiden verzichten auf die übliche Plauderei und den Handschlag für die Kameras. Die Situation wirkt hochgradig unlocker.

Nach dem Treffen heißt es von deutscher Seite, die beiden hätten etwa 20 Minuten zusammengesessen, die US-Seite spricht von 10 Minuten. Die Themen: die Lage in Libyen und in Westafrika, die Lage in Europa nach der Wahl.

Merkel tritt danach kurz vor die Presse, erwähnt das Treffen mit dem Präsidenten aber nicht. Sie spricht vom D-Day. Die Landung der Alliierten in der Normandie habe Deutschland letztlich die Befreiung vom Nationalsozialismus gebracht und die Grundlage für die Nachkriegsordnung gelegt, sagt sie. „Dass ich als deutsche Bundeskanzlerin heute dabei sein kann und dass wir heute gemeinsam für den Frieden und die Freiheit eintreten, das ist ein Geschenk der Geschichte, das es zu schützen und zu pflegen gilt.“

Die sanfte Sorge, die dabei mitschwingt, haben auch andere. Nationalstaatliches Denken ist in Europa und anderswo auf der Welt wieder im Aufwind. Auch Trump hat seit seinem Amtsantritt einen neuen Ton gesetzt. Für ihn kommen die Vereinigten Staaten an erster Stelle. Er ist kein Freund von Multilateralismus, sondern ein bekennender Nationalist.

Immer wieder säte Trump Zweifel auch an dem Militärbündnis Nato und drohte sogar mit einem Austritt der Amerikaner, sollten die Partner ihre Verteidigungsausgaben nicht nach oben schrauben. Hauptziel seiner Kritik hier: Deutschland. Um die Harmonie der westlichen Verbündeten steht es 75 Jahre nach dem D-Day nicht zum Besten.

Informationen der britischen Regierung zu den D-Day-Feierelichkeiten

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