Der Bildungswunsch vereint Alt und Jung

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Herbert Beck
Redaktionsleiter

Amaha hat es gut erwischt. Der 30-Jährige konnte als Kind zur Schule gehen und später eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker absolvieren. Amaha fand zudem in der Böhm-Stiftung einen verlässlichen, einen sicheren Arbeitgeber. Als Fahrer steuert er vornehmlich einen schweren Lastwagen und bringt Baumaterialien und andere Versorgungsgüter in die weit im Land verstreuten Projektgebiete. Aber er transportiert auch Gäste der Stiftung. Doch Amahas Ehrgeiz, noch mehr zu werden, ist groß. In seinem Gepäck während der oft Tage dauernden Fahrten befinden sich auch Schulbücher. Der Fahrer hat sich bei einer Fernschule in dem Land eingeschrieben, er will den Stoff der Klassenstufen elf und zwölf nachpauken – als Erwachsener. „Ich will mich weiterentwickeln, ich will weiter lernen, für mich, für die Versorgung meiner Familie.“

„...wenn ich etwas lesen soll“

Roida Mume hat es nicht so gut erwischt. Die Frau aus der Kreisstadt Jarso, Mutter von fünf Kindern, konnte keine Schule besuchen, „meinen Eltern fehlten die Einsicht und auch das Geld“. Ihr Mann versorgt die Familie – leidlich – durch Arbeit als Tagelöhner. Das Paar hält, so gut es geht, das bisschen Geld zusammen, um wenigstens die Kinder auf die Schule schicken zu können. „Uns ist klar, dass nur das unsere Familie weiterbringt. Die Kinder sollen später einmal die Chance haben, mehr aus ihrem Leben zu machen.“ Resignation schwingt in Roida Mumes Stimme mit. „Für mich kommen die Anstrengungen zu spät, ich werde immer darauf angewiesen sein, dass mir andere dabei helfen, wenn ich einen Brief schreiben muss und wenn ich etwas lesen soll.“

Die hohe Analphabetenrate zählt zu den großen Schwächen Äthiopiens, insbesondere in den ländlichen Regionen. Zu wenig, zu schlecht ausgestattete Schulen stehen zur Verfügung, um die Fortbildungswünsche der Bevölkerung zu erfüllen. Auch die Regierung hat das erkannt. Bürgermeister Zihad Aleji aus der Kreisstadt Jarso gibt aber unumwunden zu, dass es mit dem Aufstellen einer Liste nicht getan ist. „Der Bedarf in unserem Land übersteigt unsere eigenen Fähigkeiten. Deshalb sind wir so froh, dass in unserem Distrikt Karlheinz Böhm und seine Stiftung aktiv geworden sind. Jetzt kommen bereits die Eltern zu mir ins Amt und fragen nach, ob auch sie noch unterrichtet werden können.“

Ähnlich sieht es auch im nicht weit entfernten Eltoke aus. Dort wird eine Mittelschule von Grund auf modernisiert und erweitert. Auch bei Rektor Tamasged Abdissa sind bereits Eltern vorstellig geworden, die noch auf ihre späten Jahre lesen und schreiben erlernen möchten. Noch kann Tamasged nur seinen guten Willen bekräftigen, sich dafür einzusetzen. „Nach der Erweiterung werden wir auf jeden Fall auf den Zweischicht-Betrieb umstellen, um den regulären Unterricht organisieren zu können. Aber mir ist klar, dass wir auch an den Abendunterricht für Eltern denken müssen.“ Aus den vielen Nachfragen leitet er ein aus seiner Sicht besonders positives Signal ab: „Die Eltern haben erkannt, wie wichtig Bildung ist.“ Sein Kollege Bale Mohammed von der Oberschule in Jarso pflichtet ihm bei: „Seit die Bevölkerung spürt, dass sich etwas tut und dass es neue Perspektiven gibt, strömen viel mehr Menschen in unsere Informationsveranstaltungen. Und viele fragen dann sofort nach der Möglichkeit, Elternunterricht anzubieten.“

Amaha sitzt in der Zwischenzeit unter einem Schatten spendenden Baum. Er hat seine Unterlagen herausgekramt und lernt. Er müsste das nicht machen, er ist ja ausgebildet und hat einen Arbeitsplatz gefunden. Zufriedengeben will er sich damit nicht: „Ich habe mir vorgenommen, keine Zeit verstreichen zu lassen, bis ich eine Prüfung ablegen kann.“

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