Den Münster-Schändern ist nichts mehr heilig

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Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Vandalen-Angriffe auf die neue Synagoge. Ein Brandanschlag auf eine türkische Moschee. Jetzt Hakenkreuz-Schmiereien im Ulmer Münster. Und immer wieder tauchen in den Polizeiberichten Meldungen über verfassungsfeindliche Symbole auf, die in Ulm und Neu-Ulm entdeckt werden: Auch in der Doppelstadt ist nationalsozialistischer Ungeist wieder angekommen und macht sich breit. Die Täter machen nicht Halt vor Gotteshäusern, heiligen Stätten: Diese sind seit Jahrtausenden dem Weltlichen, dem Profanen, entzogen, bedeuten etwas Besonderes.

Mit ihren Untaten positionieren sich die Täter daher nicht nur außerhalb der Gesellschaft, indem sie schlicht kriminell werden. Gleichzeitig provozieren sie, indem sie deutlich machen: Uns ist nichts mehr heilig, auch Synagogen, Moscheen und Kirchen nicht mehr.

Verstärken Medien nicht durch breite Berichterstattung ungewollt diesen Effekt? Sie wandeln auf dem schmalen Grat zwischen der gesetzlich verankerten Informationspflicht und Anstiftung für Nachahmer. Seriöse Medien bilden nicht jede Schmiererei oder jedes Hakenkreuz ab. Aber dort, wo ein Konflikt so öffentlich wie im Ulmer Münster in der Mitte der Gesellschaft ankommt, sind Journalisten gefragt: informierend und zur Meinungsbildung beitragend. Wer die gefährliche Wahrheit verschweigt, wiegt seine Leser, User oder Zuschauer in falscher Sicherheit.

Denn nicht nur die Attacken auf Gotteshäuser verdeutlichen, dass der gesellschaftliche Konflikt, der vor einer Woche in Chemnitz so brutal zutage getreten ist, in Ulm angekommen ist. Mittlerweile halten rechtspopulistische Demonstranten völlig selbstverständlich weiße Rosen in die Luft und wollen damit die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ für sich vereinnahmen. Dieser Missbrauch der „Weißen Rose“ muss die Ulmer Stadtgesellschaft aufwecken. „Sophie Scholl würde AfD wählen“: Dieses provokante AfD-Plakat wurde zwar gerichtlich verboten. Auch als vor zwei Jahren die AfD in Ulm erklärte, sie sehe sich im geistigen Erbe von Sophie und Hans Scholl, war der Aufschrei groß.

Heute hingegen dröhnt das Schweigen der meisten Demokraten. Nur die Linken rufen zu einer Demonstration auf. Das war’s.

Aus Ulm ist wirklich vernehmbar nur die Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu zu hören, die acht Monate Haft und weitere acht Monate Ausreisesperre in der Türkei hinter sich hat. Sie mahnt und erinnert an die Anfänge des Nationalsozialismus: „In der Türkei habe ich gesagt, ich wolle in die Sicherheit und Geborgenheit in Deutschland zurückkehren – und dann diese Bilder aus Chemnitz. So fing es einst an. Damals hat man das so lange toleriert, bis es zu spät war.“

Die selbstbewusste Ulmer und Neu-Ulmer Stadtgesellschaft sollte sich jetzt schnellstens zusammenschließen und den Schändern von Gotteshäusern ebenso wie der AfD zeigen: Für Euch ist hier kein Platz.

Oder müssen erst Polizeistreifen Kirchen und Moscheen ebenso regelmäßig anfahren wie die Synagoge, bis Ulm und Neu-Ulm aufwachen? Ein unerträglicher Gedanke.

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