Den Kickern lyrisch auf den Pelz rücken

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Stan Lafleur zelebrierte Fußball vom Feinsten in Lyrikform.
Stan Lafleur zelebrierte Fußball vom Feinsten in Lyrikform.
Schwäbische Zeitung

Fußball ist in diesem Sommer in aller Munde und in selbigen hat ihn auch Stan Lafleur am Freitagabend im Kornhaus genommen. Auf dem Wege eines Spoken Word-Performers ist er der Kugel und denjenigen, die sie anschieben, zu Leibe gerückt. Gelesen, vielmehr gesprochen, hat er Gedichte aus dem Lyrikband „die welt auf dem fusz“.

Von unserer Mitarbeiterin  Babette Caesar

Das Wetter hat leider nicht mitgespielt, sonst wäre aus dem „Text-Kick“ eine Open-Air-Performance auf dem Postplatz geworden. So postierte sich der gebürtige Karlsruher, der heute als freier Autor, Journalist und Regisseur in Köln lebt, vor einem Fußballtor und einer Kiste Bier im Kornhaus. Seine 2006 erschienenen Fußballgedichte mit Halbzeitpause kamen rechtzeitig zur letzten Weltmeisterschaft heraus, erwiesen sich aber am Abend als nicht weniger aktuell und spontan zelebriert. Eine Auswahl aus 90 Gedichten entsprechend der Dauer einer Spielzeit, jedes so lang wie eine Spielminute – abhängig von der Sprechgeschwindigkeit, mit einem Daumenkino in der Halbzeitpause, das am Abend aber nur im Buch stattfand, und einem Glossar für die Verlängerung.

Kein Problem für Unkundige

Letzteres bietet nicht nur denjenigen eine nützliche Gehhilfe, die von Namen wie Ailton, „einem rundlichen brasilianischen Fußballer“, oder gar dem Österreicher Hans Krankl, „hauptverantwortlich für die Schmach von Cordoba“ noch nie etwas gehört haben, sondern ist auf Grund der Kürze auch witzig zu lesen. Mit „Flanke, Manni!“ platzte Lafleur in die erste Spielzeit hinein und servierte eine Auswahl an Kickern, deren besten Zeiten teils schon vorüber sind. Günter Netzer über Manfred Kaltz und Horst Hrubesch mit der nie gehabten Vision, der Ball finde doch einmal den Weg ins Tor. Oder „lienens verzettelter traum“ in Erinnerung an die Macke des deutschen Fußballers und Trainers Ewald Lienen: „ich musz ihnen gestehen, die zettel wachsen mir allmaehlich uebern kopf rutschte es ihm raus, beim interview“, beginnt das Gedicht und endet mit „8. minute, wir fuehren 1:0. sehr gut!“. So wie Lienen durch seine Mitschriften des Spielverlaufs auf Zetteln auffiel, so macht Lafleur aus Jürgen Klinsmann ein „maennlein in der sosze“, des Öfteren mit seinen Schenkeln im Strafraum stehend, „leicht schwaebelnd & laechelnd“, immerwährenden „obdimissmuss“ verbreitend. Roy Makaay – wer diesen Namen kennt und weiß, wo er jüngst seine Karriere beendet hat, bekommt ´ne Flasche Bier. Beim Erstligisten Feyenoord Rotterdam kam prompt die Antwort aus dem Publikum und so verließ im Laufe der neunzigminütigen Performance eine Flasche nach der anderen die Kiste. Nur auf Lafleurs Frage nach dem Gewinner der WM 2010 regte sich niemand. Ein Bier hätte er wohl für jede Antwort ausgegeben.

Das harte Dasein eines Fußballs

In „kurze autobiografie des balls“ in der zweiten Halbzeit hatte Lafleur alle Lacher auf seiner Seite, wenn das lederne Rund „uebern Acker hoppelt wien hase“, unentschlossen bis zur Ekstase, ins Aus tropfend und schnell davon laufend. Man fühlt mit ihm, wird für eine Spielminute selbst zur malträtierten Kugel, dann aber durch „da bomba“ und Lafleurs rappenden Schnellspurt eingestimmt auf das Bitten und Flehen, der Bomba Papa, welcher Hans Krankl ist, möge doch endlich einen Treffer erzielen – „a toorli da guade aeude bomba“.

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