„Das Ei ist definitiv kein Rotmilanei“

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Schwäbische Zeitung

Ist das verschwundene Nest in der geplanten Konzentrationszone für Windkraft bei Kettenacker nun tatsächlich Rotmilannest gewesen oder nicht? Der Vogelexperte Daniel Schmidt vom Vogelschutzzentrum Mössingen hat den Standort näher unter die Lupe genommen und kam zum Schluss, dass es sich wohl um ein Rotmilannest handelt. Trotzdem gibt es in Gammertingen und auf der Alb noch Leute, die Zweifel haben. SZ-Redakteur Ignaz Stösser sprach mit dem Fachmann über seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen.

SZ: Wie sicher sind Sie denn, dass das verschwundene Nest ein Rotmilannest war?

Schmidt: Es ist sehr wahrscheinlich, dass es eines war. Allerdings bleibt immer ein Restzweifel. Kein Greifvogel-Experte könnte in der gegebenen Situation mit 100-prozentiger Sicherheit garantieren, dass der Rotmilan hier genistet hat. Die Form des Nestes, der Standort des Baumes, die Einflugschneise und anderes sprechen dafür. Aber eindeutige Sicherheit gäbe es nur, wenn man ein nistendes Vogelpaar hier beobachten könnte.

SZ: Es gibt ja auch Zweifel, ob das Foto von dem ursprünglichen Nest echt ist. Könnte es eine gut gemachte Montage sein?

Schmidt: Das zu beurteilen wäre Aufgabe der Kripo. Ich bin da kein Experte, gehe aber davon aus, dass es echt ist. Die Position des Nestes auf dem Baum ist zwar untypisch, doch es gibt Situationen, in denen der Milan sein Nest auch so platziert, wie es auf dem Bild zu sehen ist. Typisch wäre: in einer größeren Astgabel näher am Stamm.

SZ: Ursprünglich teilte die Polizei mit, man habe Einkerbungen am Baumstamm entdeckt, die von Steigeisen stammen könnten. Später hieß es, es gebe keine Spuren. Ist es denn möglich, dass ein Nest auch auf natürliche Weise zerstört wird?

Schmidt: Durchaus. Eine kleinräumige Orkanböe könnte solch ein Nest auch zerstören und das Nistmaterial weit verstreuen. Der abgebrochene Ast auf den Bildern deutet darauf hin, dass es hier heftige Böen geben kann.

SZ: Angeblich haben Sie ein Ei unter dem Baum gefunden. Ist es ein Rotmilanei?

Schmidt: Das Ei ist mir von der Kripo in die Hand gedrückt worden. Es soll vor Ort gefunden worden sein. Allerdings ist es wahrscheinlich kein Rotmilanei. Es ist zu klein, und die Färbung passt auch nicht. Aber auch hier gilt für den Wissenschaftler: Ein Irrtum wäre theoretisch möglich, allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit dafür im Promillebereich. Ich habe einen Kollegen um seine Beurteilung gebeten und auch er kommt zum gleichen Schluss. Einen weiteren Kollegen will ich ebenfalls noch um seine Meinung bitten.

SZ: Wenn die Milane im Frühjahr wiederkommen, werden sie ihr Nest wieder hier aufbauen?

Schmidt: Wenn dasselbe Paar wiederkommt, kann man davon ausgehen, dass es das Nest an der gleichen Stelle wieder aufbaut. Allerdings ist es möglich, dass es sich verzieht. Wenn beispielsweise weitere Äste abbrechen, könnte der Baum uninteressant werden. Der Rotmilan stellt hohe Ansprüche an seinen Nistplatz.

SZ: Bleibt das Paar in der Gegend?

Schmidt: Die ganze Region ist eine gute Gegend für Rotmilane, darum werden die Vögel im Umkreis von wenigen 100 Metern eine neuen Bleibe suchen. Die Entfernung hängt davon ab, wo ein geeigneter Baum gefunden wird.

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