„Dankbarkeit als Ende einer gnadenlosen Ausbeutung“

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 Diesen Erntedankaltar in der Kapelle des Elisabethenkrankenhauses hat die Franziskanerin Schwester Gisela gestaltet.
Diesen Erntedankaltar in der Kapelle des Elisabethenkrankenhauses hat die Franziskanerin Schwester Gisela gestaltet. (Foto: Maria Anna Blöchinger)
Pfarrer Eberhard Seyboldt

Im Sprachgebrauch hat sich für viele die Ernte in Agrarproduktion gewandelt – das ist Ausdruck unseres Denkens. Wir machen, wir produzieren, aber immer mehr wird uns in diesen Jahren deutlich, dass wir in vielem gegen die natürlichen und grundlegenden Voraussetzungen handeln – zu viel Dünger und Pestizide, Monokulturen, brennender Urwald für neue Weideflächen, Plastikreste und Verpackungsmüll in den Meeren und Mikroplastik auf den Feldern und im Körper. Jeder von uns könnte diese Liste verlängern.

Das Erntedankfest lädt ein, sich über Nahrungsmittel und Genussmittel Gedanken zu machen. Steht mir alles immer und im Überfluss zu? Brauchen wir neue Grenzen, um die Grenzenlosigkeit der letzten Jahrzehnte zu überwinden? Innere, eigene Grenzen? Gesetzliche Grenzen für unsere Gesellschaft und Industrie? Was brauchen und wünschen wir für unsere Zukunft und die unserer Kinder und Enkel?

Weizenfelder auf denen eine Ernte wachsen darf, die nicht das Feld zerstört oder den Bauern zum Aufgeben zwingt. Weizenfelder, die auch unseren Augen und unserer Seele gut tun, eine Vielzahl an Pflanzen auf den Feldern und eine Fruchtfolge, die auch Tieren Raum lässt und die Auslaugung der Böden verhindert? Wenn wir Fleisch essen, dann als bewussten Konsum von Tieren, die gesund aufwachsen und leben durften, auch im Wissen darum, dass dafür ein Leben vorzeitig beendet werden musste. Viele unserer Jugendlichen beschäftigt – Gott sei Dank – die Frage der Zukunft existenziell: „Fridays for future“. Wäre es nicht Zeit, jeden Tag an die Zukunft zu denken, jeden Tag entsprechend zu konsumieren und für vieles eine Dankbarkeit zu entwickeln, die mich zur Selbstbegrenzung einlädt und führt.

Christen verstehen Ernte als eine Gabe Gottes – bei allem Einsatz, den auch Landwirte bringen – die bewusst empfangen werden soll. Deshalb gehört das Tischgebet als Dank für Christen zum Essen. Dann verstehen wir Holz als Wald, und Holz und Rohstoffe als begrenzte Schätze, die wir heben und nutzen können, aber nicht verschwenden dürfen, Arbeiter – auch in anderen Ländern – als Mitmenschen, deren Lebensbedingungen uns wichtig sind und denen wir auch dankbar sind für ihren Einsatz. Dankbarkeit als Ende einer gnadenlosen Ausbeutung der Erde, der Menschen, der Tiere, der Meere, und auch von uns selbst. So kann sich Denken ändern im Danken.

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