D. Oehring
D. Oehring (Foto: Foto Bucher)
Pfarrer Dietrich Oehring und evangelische Kirchengemeinde Isny

Der 31. Oktober 1517 – der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther schlägt ein Blatt mit 95 Thesen über den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg an.

Es ist nur einer von unendlich vielen Bausteinen in dem großen Gebilde, das „Reformation“ genannt wird. „Reformationstag“ hätte auch der 18. April 1521 sein können, Luthers Auftritt auf dem Reichstag in Worms, bei dem er sich weigerte, seine Schriften zu widerrufen; oder der 9. März 1522, an dem in Zürich Ratsherren und Geistliche mit einem Wurstessen öffentlich das Fastengebot brachen; oder der Ostersonntag 1525, an dem in der Nikolaikirche Isny zum ersten Mal in der Stadt Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert wurde, also mit Brot und Wein für alle; oder der 19. April 1529, an dem beim Reichstag in Speyer eine Minderheit der Ächtung Martin Luthers widersprach; oder, oder...

Die Reformation kam nicht an einem Tag, und nicht an einem Ort. Was alle diese Ereignisse gemeinsam haben: Sie erhoben öffentlich Protest.

Das zuletzt genannte, die „Protestation von Speyer“, hat der ganzen Bewegung sogar den Namen gegeben, mit dem man ihre Anhänger und Nachfolger bis heute nennt: „Protestanten“.

Sind wir also von Anfang an eine Dagegen-Kirche gewesen? Protest, das heißt doch schließlich: Widerspruch, gegen „die Anderen“, gegen „das, was falsch läuft“. Waren wir das, was man heute eine „Protest-Partei“ nennt: Eine Gruppe, die vor allem weiß, dass alles anders werden muss, aber nicht genau weiß, wie es werden soll? Dann wäre es kein Wunder, dass bei so viel „Dagegen“ am Ende eine Kirchenspaltung herauskam – immer nur „dagegen“ spaltet fast sicher! Aber eigentlich heißt „pro“ nicht „gegen“, sondern „für“; und „pro-testari“ heißt lateinisch „Zeugnis ablegen für etwas“. Die Reformation war nicht gegen – sie war für allem für etwas: für die Bibel als Maßstab; für die Liebe Gottes als zentrale Botschaft; für die Freiheit im Glauben.

Und die Reformatoren waren überzeugt: Wo solches gelehrt und gelebt wird, da ist die wahre Kirche Jesu Christi – ganz egal, welcher Name draufsteht.

Am Reformationsfest feiern evangelische Christen also nicht den Widerspruch gegen alte und vergangene Irrwege – wir feiern vielmehr das, wofür wir als Kirchen (Gott sei Dank!) schon längst wieder gemeinsam eintreten. Wir wollen nicht gegen Andere sein, sondern mit Anderen für etwas: Für die Botschaft vom großen Ja Gottes zu allen Menschen!

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