Clinton und Otto: Dortmunder sammelt Promi-Handys

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Deutsche Presse-Agentur

Mit seiner Hartnäckigkeit bekam Heinz Sänger bislang noch immer, was er wollte: Handys. Nicht irgendwelche, sondern die von Bill Clinton, Otto Waalkes, Madonna und Benedikt XVI. Oder die von Muhammad Ali, Johannes Rau und Franz Beckenbauer.

Rund 200 Berühmtheiten haben dem 65-jährigen Pensionär bereits ihr signiertes Mobiltelefon überlassen. Zu bestaunen sind sie in Sängers wanderndem „Handymuseum“, das sich auch der Geschichte des Mobilfunks widmet. Ist die Sammlung nicht aufgebaut, lagern die insgesamt 1000 ausgedienten Mobilfunkgeräte in silberglänzenden Metallkisten in Sängers Keller in Dortmund-Hörde.

Angefangen hat alles ganz unprominent. Damals noch bei der Deutschen Telekom beschäftigt, erlebte Sänger die Veränderungen am deutschen Mobilfunkmarkt hautnah. Anfang der 90er Jahre beschloss er, dieses Stück „Zeitgeschichte“ in einer Ausstellung zu dokumentieren. „Die Technik hat mich einfach fasziniert“, erinnert sich der passionierte Amateurfunker an die ersten Mobiltelefone des sogenannten A-Netzes: „Ein 16 Kilo schweres Röhrengerät kostete mit 8000 Mark 1958 mehr als ein VW Käfer“. Durch Telekom-Kontakte, akribisches Suchen und wohlgesonnene Spender gelang es Sänger schließlich, den Verlauf der Mobilfunkgeschichte von den Anfängen des analogen A-Netzes 1958 bis zum heutigen D-Netz mit rund 100 historischen Mobilfunkgeräten zu belegen. Seit 1994 präsentiert er diese Sammlung in Schulen, auf Messen oder bei Privatveranstaltungen.

Einem glücklichen Zufall verdankte Heinz Sänger dann sein erstes „Prominentenhandy“. Weil er einen Ertrinkenden vor dem Tod bewahrte, lud ihn 1995 der damalige Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Johannes Rau, zu sich ein. Doch die öffentliche Belobigung und der damit verbundene Medienrummel war dem Museumsinhaber zu viel des Guten. „Die Urkunde lassen wir mal. Wirklich freuen würde ich mich, wenn ich Ihr Handy bekommen könnte“, erwiderte er dem Landesvater. Um die Ehrung kam Sänger nicht herum, aber nach zwei Jahren hielt er tatsächlich Raus ausgemustertes Diensttelefon in der Hand. Fortan Bestandteil des Museums, fuhr es in einer gläsernen Vitrine mit zu seinen Ausstellungen. Sänger stellte fest: „Irgendwie war das Handy von Johannes Rau für die Besucher immer interessanter als die alten Geräte.“ Eine neue Sammelleidenschaft war geboren.

Jahrelanger Briefverkehr, unermüdliche Hartnäckigkeit und manchmal auch geschickte Überrumpelung: Heinz Sänger hat seine eigenen Methoden entwickelt, um die mobilen Begleiter der Berühmtheiten zu ergattern. Otto Waalkes überraschte er beispielsweise auf der Bühne und tauschte einfach ein älteres Gerät gegen das mit einem Ottifantenaufkleber versehene Motorola des perplexen Comedians ein. „Otto hat mich noch einige Male angerufen und gefragt, wie es seinem Handy geht. Wiederbekommen hat er es aber nicht“, sagt Sänger. Zu jedem Sammelobjekt und damit zu jedem „seiner Prominenten“ hat er eine eigene Geschichte parat.

Besonders leidenschaftlich erzählt er die von Bill Clinton, der 2001 zu einem Vortrag nach Augsburg in die Schwabenhalle kam. Bereits im Vorfeld hatte Sänger das Weiße Haus mit Anfragen bombardiert und nach langem Hin und Her das alte Präsidenten-Handy abholen dürfen. Nun, zwei Jahre später, fehlte nur noch die Unterschrift. „Manchmal war ich ein Fotograf, manchmal ein Arzt“, erinnert sich Sänger, wie er die Sicherheitskräfte austrickste. Auf einem engen Seitenflur stand er dann plötzlich vor dem US-Präsidenten, griff in seinen Mantel und zog dessen großes, schwarzes Handy hervor. Dem Präsidenten stockte der Atem. „Erst im Nachhinein wurde mir klar, was für ein Glück ich hatte. Die Sicherheitskräfte hätten mich auch für einen Attentäter halten können“, so Sänger heute. Doch Clinton war nicht böse und unterschrieb.

Nicht alle Geschichten Sängers finden auf seinen Ausstellungen Platz. Je nach örtlicher Begebenheit variiert die Größe zwischen 50 und 200 Quadratmetern. Wann er sein Museum das nächste Mal aufbaut, steht noch nicht fest. Damit die Besucher dann aber auch das Telefon der Bundeskanzlerin bestaunen können, schreibt Sänger jetzt schon wieder fleißig Briefe. Aus Gründen der Gleichberechtigung könne sie dem Museum ihr Handy nicht spenden, so Merkels bisherige Antwort. Doch wer Sänger kennt, hat keine Zweifel: Auch das Handy der Bundeskanzlerin wird eines Tages in seine Sammlung kommen.

Das mobile „Handymuseum“: www.handymuseum.de

Bundesverband Telekommunikation: www.bitkom.de

1958 fasst die Deutsche Bundespost die bestehenden Funknetze zum sogenannten öffentlichen, bewegten Landfunknetz (öbL) A zusammen. Jedes Gespräch muss per Hand verbunden werden.

Das Netz fasst nach Angaben des Mobilfunk-Experten Heinz Sänger bis zu 10 000 Teilnehmer und deckt rund 80 Prozent des Bundesgebietes ab. Die 16 Kilo schwere Sende- und Empfangsanlage kostet etwa 8000 Mark und befindet sich meist im Kofferraum eines Autos.

1972 deckt das neue B-Netz das gesamte Bundesgebiet ab und kann bis zu 27 000 Teilnehmer aufnehmen. Diese können ihr Gegenüber nun selbst anwählen. Sie müssen jedoch wissen, wo sich ihr Gesprächspartner befindet und eine entsprechende Ortsvorwahl wählen. Ein B-Netz-Telefon kostet rund 12 000 Mark.

1985 wird das C-Netz als drittes analoges Mobilfunksystem in Betrieb genommen. Der angerufene Gesprächspartner kann unter der Vorwahl 0161 deutschlandweit erreicht werden. Das C-Netz fasst bis zu 850 000 Teilnehmer. Die Anlagen können bereits als Umhängegeräte getragen werden. Sie kosten zwischen 5000 und 8000 Mark.

1992 können mit dem D-Netz Sprache und Daten erstmals digital übermittelt werden. Eine einheitliche Vorwahl reicht, um Gesprächspartner im In- und Ausland zu erreichen. Bei Markteinführung kostet ein D-Netz-Handy zwischen 2500 und 7500 Mark.

Seit Mitte April 2008 gibt es in Deutschland mehr als 100 Millionen Mobilfunkanschlüsse. Weltweit liegt Deutschland nach Angaben des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) damit hinter China, den USA, Indien, Russland, Brasilien und Japan auf Rang sieben der absoluten Zahl der Mobilfunkanschlüsse.

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