Bundestrainer Löw zieht positive Jahresbilanz

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Deutsche Presse-Agentur

„Wir haben fast das Maximale erreicht“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, der in den 16 Länderspielen elf Siege, zwei Unentschieden und drei Niederlagen verbuchen konnte. „Allerdings hat das letzte i-Tüpfelchen gefehlt“, bemerkte Teammanager Oliver Bierhoff angesichts des verlorenen EM-Endspiels gegen Spanien. Dennoch blickt der Manager zuversichtlich in Richtung Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika: „Wir sind in der Steigerung. 2006 waren wir bei der WM Dritter, 2008 bei der EM unter den besten Zwei.“

Der letzte Eindruck mit der 1:2-Niederlage im Klassiker gegen England (Löw: „Das war schlecht“), der Verbannung des Schalkers Kevin Kuranyi aus der Nationalelf sowie die Auseinandersetzungen des Bundestrainers mit den langjährigen Führungskräfte Michael Ballack und Torsten Frings trübte das Gesamtbild. „Das Sommermärchen ist ein bisschen beendet“, stellte Bierhoff zum Jahresende fest. Er will die Konflikte aber auch nicht überbewerten: „Man darf sich nicht täuschen lassen von den letzten Querelen. Jetzt hat es auch einmal geknistert. Das war nicht unbedingt notwendig, aber es ist passiert.“

Sportlich ist es Löw geglückt, mit der Nationalmannschaft den Übergang von einem Turnier-Höhepunkt im Sommer in den Alltag der WM- Qualifikation erfolgreich zu bewältigen. „Wir sind mit zehn Punkten Tabellenführer, das ist ein gutes Fundament“, bilanzierte er nach den bisher vier Partien gegen Liechtenstein (6:0), Finnland (3:3), Russland (2:1) und Wales (1:0). „Es ist nach Turnieren immer besonders schwierig, in den Fluss zu kommen, aber ich denke, das ist uns gut gelungen“, betonte der Bundestrainer.

Der Umbruch nach der EM 2008 und der Aufbruch zur WM 2010 dokumentiert sich auch in Namen: 34 Akteure setzte Löw in den insgesamt 1440 Länderspiel-Minuten ein, darunter acht Neulinge. Die Spitzenreiter stellte der FC Bayern München; Philipp Lahm stand am längsten auf dem Platz (1247 Minuten), Miroslav Klose schoss die meisten Tore (8) und ausgerechnet der im Verein meist zuschauende Angreifer Lukas Podolski war als einziger Akteur in allen 16 Länderspielen dabei. „Lukas hat es geschafft, trotz wenig Spielpraxis bei der Nationalmannschaft gute Leistungen zu bringen“, äußerte Löw. Mit drei Treffern war Podolski auch bester deutscher EM-Torschütze.

Nicht nur bei der EURO fiel die deutsche Elf in den Partien gegen Polen (2:0), Kroatien (1:2), Österreich (1:0), Portugal (3:2), Türkei (3:2) und Spanien (0:1) durch große Leistungsschwankungen auf. „Wir waren spielerisch nicht immer auf hohem Niveau“, gab Löw zu. Danach gab es auch einen personellen Schnitt. Nicht nur im Tor hat Löw nach dem Rücktritt von Jens Lehmann einen „starken Konkurrenzkampf“ ausgerufen. Neben Lehmann sind auch andere Akteure, die 2008 noch zum Zuge kamen, vorerst oder wohl für immer aus dem Elitekreis verschwunden; angefangen bei Kevin Kuranyi über David Odonkor, Manuel Friedrich, Oliver Neuville, Tim Borowski und Roberto Hilbert bis hin zum langzeitverletzten Routinier Bernd Schneider.

Einen unerwarteten Karriere-Knick erlebte der Stuttgarter Mario Gomez, der als möglicher EM-Star gehandelt wurde, aber nun schon seit 501 Länderspiel-Minuten auf ein Tor für Deutschland wartet. Der Neu-Hoffenheimer Timo Hildebrand wurde von Löw sogar aus dem EM-Aufgebot gestrichen, Abwehrchef Christoph Metzelder ist nach dem Turnier zumindest vorläufig ausgemustert worden. Der Neu-Hamburger Marcell Jansen und der Bremer Clemens Fritz erlitten ebenfalls Rückschläge.

Auch Torsten Frings beendet 2008 als Verlierer. Der Bremer büßte im zentralen Mittelfeld seinen Stammplatz neben Kapitän Ballack ein. Der 32-Jährige wird hart kämpfen müssen, denn ausgerechnet seine jüngeren Konkurrenten Thomas Hitzlsperger (26) und Simon Rolfes (26) zählt Löw neben dem Hamburger Piotr Trochowski zu den Aufsteigern 2008: „Sie sind alle einen großen Schritt weiter als im Frühjahr.“ Trochowski, bei der EM noch frustrierter Tourist, stieg in den vergangenen Monaten mit guten Leistungen zur Stammkraft auf. „Jetzt bildet er mit Lahm eine ganz starke linke Seite“, lobte Löw.

Auch mehrere der acht Debütanten haben glänzende Perspektiven: Im Leverkusener René Adler sehen viele schon den deutschen WM-Torhüter 2010. Der Gladbacher Marko Marin gilt ebenfalls als eine Verheißung für die Zukunft. Der Schalker Abwehrspieler Heiko Westermann hat es mit 720 Länderspiel-Minuten als Neunter sogar auf Anhieb in die „Top Ten“ der Nationalspieler mit der meisten Einsatzzeit 2008 gebracht.

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