Britisch-französische Lebensart auf der Kanalinsel Guernsey

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Aus Süddeutschland gibt es nur Direktflüge nach Jersey. Wer nach Guernsey will, muss zuerst dorthin oder nach London fliegen. Fähren gibt es von Jersey, Saint-Malo und Portsmouth nach St. Peter Port.

Rund um Guernsey gibt es Küstenwanderwege. Informationen hierzu und zu Übernachtungsmöglichkeiten unter www.visitguernsey.com.

Die Recherche wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Guernsey.

Wer die Kanalinsel Guernsey erkundet, erlebt eine entspannte Mischung aus britischer Höflichkeit und französischem Savoir vivre. Es scheint, als sei die britische Insel vor Frankreich ins Meer gefallen. Bereits Victor Hugo schwärmte von Guernsey.

Eine Tasse Nachmittagstee, vorzugsweise Earl Grey, ein großzügig belegtes Sandwich, das Ganze genossen mit Blick auf türkisgrünes Wasser in einer goldsandigen Bucht – das ist, nein, nicht die Karibik. Dazu weht die Brise doch etwas zu frisch. Das ist Guernsey, nach Jersey die zweitgrößte Kanalinsel. Die Kanalinseln sind englisch genug, um jeden Tee mit einem „Lovely day today, isn’t it?“ („Ein zauberhafter Tag, nicht wahr!“) serviert zu bekommen. Und doch weit genug vom britischen Festland entfernt, als dass die Hektik von dort herüberschwappen könnte. Eine gelungene Mischung aus britischer Höflichkeit und französischem Savoir-vivre.

Das war nicht immer so. Die Kanalinseln liegen näher bei Frankreich als bei England, nämlich im Golf von Saint-Malo, Guernsey genau 70 Kilometer nördlich der Küste. Womit es kaum verwundert, dass unterschiedliche Herren beider Länder die Kanalinseln gern in ihrem Besitz sahen. Diesem Umstand verdanken die Inselbewohner aber auch einige Privilegien, mit denen sie umworben wurden. Die großzügigen Steuergesetze sind eines davon. Keine Mehrwertsteuer, keine Erbschaftssteuer, 20 Prozent Einkommenssteuer bezahlt man nur für die ersten 250 000 Euro Jahreseinkommen. Hört sich viel an, aber laut Gaby Betley, der deutschen Reiseführerin, die es vor 31 Jahren als Au-pair-Mädchen nach Guernsey verschlagen hat, wird diese Summe von den meisten der Bewohner leicht erreicht. Die 160 Arbeitslosen kenne man quasi mit Namen. Dass mehr als ein Drittel der Beschäftigen im Finanzsektor arbeiten, ergänzt das Bild vom Steuerparadies. Ebenso die Tatsache, dass für eine der beliebten zweistelligen Autonummern bis zu 100 000 Euro bezahlt werden. Wer mit diesem Wissen einen Smart mit der Nummer 66 in der Einfahrt stehen sieht, versteht, dass über Geld nicht gesprochen wird. Man hat es.

Gaby ist es auch, die ihre Besucher zu einem der Charakterköpfe Guernseys führt: Peter de Sausmarez. Seit 800 Jahren besitzt seine Familie ein Gelände nahe der heutigen Inselhauptstadt St. Peter Port. Peter de Sausmarez hat das beschauliche Herrenhaus und den dazugehörigen Garten mit Skulpturenpark für Gäste geöffnet, wohl auch, um der hohen Unterhaltungskosten Herr zu werden. Doch noch wichtiger ist dem adeligen Hausherrn sicher, seine Geschichten loszuwerden. Im aktuellen Fall ist es die seiner Großtante selig. Die fand nämlich Eingang in Mary Ann Shaffers Roman mit dem etwas sperrigen Titel „The Guernsey Literary & Potatoe Peel Pie Society“. „Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“ schreckte den deutschen Verleger wohl, weshalb das Buch 2009 unter dem geschmeidigeren, aber auch langweiligeren Titel „Deine Juliet“ in Deutschland ein Bestseller wurde.

Peter de Sausmarez erzählt die Geschichte aus der Besatzungszeit der Deutschen (1940 bis 1945) als wäre es gestern gewesen. Seine Tante hat alles in ihrem Tagebuch festgehalten: Wie die deutschen Besatzer, als die Lebensmittel knapp wurden, den Befehl gaben, Schweine nur für die verhassten Soldaten zu schlachten. Und um Betrügereien mit scheinbar an Krankheit verstorbenen Tieren zu verhindern, gab es die Leichenschau durch einen Militär – der allerdings nicht durchschaute, dass ihm drei-, viermal dasselbe Schwein in verschiedenen Häusern vorgelegt wurde. Noch heute grinst der Hausherr über diese List.

Spuren deutscher Besatzung

Was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Besatzungszeit eine der härtesten Prüfungen für die Menschen auf Guernsey war. Doppelt so viele deutsche Soldaten wie Einwohner mussten zum Teil versorgt werden, da Hitler den Kanalinseln einen hohen strategischen Stellenwert beimaß. Aus diesem Grund ließ er 1942 auch 2000 Bewohner Guernseys nach Deutschland bringen, wo sie in Biberach im Lager Lindele quasi als Geiseln gefangengehalten wurden. Die Städtepartnerschaft zwischen Guernsey und Biberach, die in den 1990er-Jahren geschlossen wurde, zeugt davon, dass auch ehemalige Internierte ihren Frieden geschlossen haben.

Eine Sehenswürdigkeit in St. Peter Port ist derzeit wegen der anstehenden Renovierung nur von außen zu besichtigen: Hauteville House. Darin lebte 15 Jahre lang der verbannte französische Schriftsteller Victor Hugo. Guernsey sei „ein Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England aufgesammelt wurde“ urteilte er spöttisch über seine neue Heimat. Hier schrieb er unter anderem „Les Misérables“.

Nicht verpassen sollte man auf jeden Fall einen Abstecher auf die größere und bekanntere Nachbarinsel Jersey und vor allem auf die kleinere und weniger bekannte Insel Herm. Hat Guernsey 62 000 Einwohner, sind es dort gerade mal 73. Diese Insel, die man in eineinhalb Stunden umwandert hat, lebt ausschließlich vom Tourismus. Der Inselverwalter Craig Senior betont, dass im Sommer manchmal bis zu 3000 Menschen auf die Insel kommen, auf den Campingplatz, in die Ferienwohnungen. Strände wie den Shellbeach auf Herm findet man denn auch im ganzen Ärmelkanal wohl keinen.

Gern betonen die Inselbewohner mit Stolz in der Stimme, dass Guernsey nicht Teil des britischen Königreichs ist, sondern das, was man auf Deutsch eine Abtei nennt, auf Englisch Bailiwick. Als solche ist sie direkt der britischen Krone unterstellt. Dementsprechend übt auch immer noch der Baillif das höchste politische Amt auf Guernsey und auch auf Jersey aus. Er spricht Recht, denn auch auf ihre eigene Gesetzgebung sind die Bewohner der Kanalinseln stolz. Der Baillif, der deshalb Jurist sein muss, schmückt sein Auto übrigens mit der Nummer 1. Ob er auch dafür bezahlen musste?

Aus Süddeutschland gibt es nur Direktflüge nach Jersey. Wer nach Guernsey will, muss zuerst dorthin oder nach London fliegen. Fähren gibt es von Jersey, Saint-Malo und Portsmouth nach St. Peter Port.

Rund um Guernsey gibt es Küstenwanderwege. Informationen hierzu und zu Übernachtungsmöglichkeiten unter www.visitguernsey.com.

Die Recherche wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Guernsey.

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