Blumenmeer für Amok-Opfer: Erste Beisetzung

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Deutsche Presse-Agentur

Als der Sarg der Zehntklässlerin ins Grab gelassen wird, ist die Frage nach dem „Warum“ für eine kurze Zeit vergessen.

Was auch immer Tim K. zu seinem Amoklauf bewogen haben mag: In Winnenden wird am Samstag ein Mädchen beerdigt, das viele als Freundin, Mitschülerin und Tochter in Erinnerung behalten werden. Hunderte Menschen geben ihr auf dem Stadtfriedhof das letzte Geleit. Ihre Klassenkameraden aus der 10d, die den Amoklauf und den Tod des Mädchens mitangesehen hatten, halten sich in einer langen Reihe an den Händen. „In diesen Tagen ist es wichtig, dass wir füreinander da sind und füreinander beten“, sagt der Priester in der katholischen Trauerfeier. Es ist die erste Beisetzung nach dem Amoklauf in Winnenden mit 16 Toten.

Am Ort der schrecklichen Tat, der Albertville-Realschule, wird das Meer aus Blumen und Kerzen immer größer. Tausende Lichter flackern im Wind und erinnern an die Opfer des Amokläufers Tim K. Viele Winnender nutzen das Wochenende, um an der Schule innezuhalten. Die Abschiedsbriefe, die Schüler für ihre toten Freunde niedergelegt hatten, machen beklommen. Zugleich wirken die unzähligen bunten Tulpen- und Rosensträuße wie ein kleines Hoffnungszeichen bei all dem Entsetzen.

Zum ersten Mal seit jenem tragischen Mittwochmorgen kommt aber auch wieder ein bisschen Leben auf den Schulhof: Die Polizei öffnet die Absperrung zu dem Fahrradunterstand, wo viele Schüler am Mittwoch vor der ersten Stunde ihre Zweiräder angeschlossen hatten. Mit festen Pedal-Tritten radelt ein Junge davon. „Vielleicht weht die Fahrtluft ja den Kummer ein bisschen weg“, sagt ein Seelsorger, der ihm hinterherblickt.

Auch die vielen persönlichen Gegenstände, die die Kinder bei ihrer Flucht vor Tim K. zurückgelassen hatten, werden aus der Schule geholt und ihren Besitzern übergeben. Einige Schüler brechen beim Anblick ihrer Mäppchen und Ranzen in Tränen aus. „Diese Gegenstände sind ganz eng mit den schrecklichen Ereignissen verbunden“, erklärt der Leiter der Kriseninterventionsteams der Schulpsychologen, Dieter Glatzer. Seine Notfallseelsorger kümmern sich um die Kinder und alle Trauernden, die beim Anblick des Schulgebäudes und der niedergelegten Abschiedsbriefe von ihren Gefühlen überwältigt werden.

Im einige Gehminuten entfernten Rathaus von Winnenden stehen die Menschen in langen Schlangen, um sich in das Kondolenzbuch der Stadt einzutragen. „Ich weiß, der Satz ist abgedroschen. Aber dass so etwas hier bei uns in Winnenden passieren kann ...“ - der Satz der Frau erstickt im Schluchzen. Auch auf dem Wochenmarkt vor dem Rathaus herrscht gedämpfte Stimmung. „Ich kann heute doch nicht herumschreien, wie knackig meine Äpfel sind“, sagt eine Obstverkäuferin.

Die Psychologen wollen nun mit den Schülern, Lehrern und Angehörigen behutsam die grauenvollen Erlebnisse aufarbeiten. Richtig beginnen könne das aber erst, nachdem die Opfer nach und nach beigesetzt seien, sagt Glatzer. Die Menschen müssten wieder Hoffnung bekommen und in ihren Alltag zurückfinden.

Auch bei der Beerdigung der Zehntklässlerin versucht der Priester, den Schülern ein bisschen Hoffnung zu machen. „Ihr seid jung und dürft weiterleben. Ich wünsche Euch, dass irgendwann die Freude in Euer Leben zurückkehrt.“

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