Ist der „Blue Monday“ wirklich der traurigste Tag des Jahres - oder doch nur ein Marketing-Gag?

Der vermeintlich traurigste Tag des Jahres fällt immer auf den dritten Montag im Januar. Zumindest geht das aus einer Theorie de
Der vermeintlich traurigste Tag des Jahres fällt immer auf den dritten Montag im Januar. Zumindest geht das aus einer Theorie des britischen Psychologen Cliff Arnall aus dem Jahr 2005 hervor. (Foto: sean824/Imago Images / www.imago-images.de)
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Der traurigste Tag des Jahres steht an. Laut einer Formel des britischen Psychologen Cliff Arnall fällt er immer auf den dritten Montag im Januar, 2022 also auf den 17. Januar. Die Berechnung des sogenannten Blue Monday ist jedoch höchst umstritten, unter anderem weil sein Erfinder damit immer wieder bei Werbeaktionen beteiligt ist.

Was ist der „Blue Monday“?

Das britische Reiseunternehmen Sky Travel verkündete 2005 in einer Pressemitteilung, dass der dritte Montag im Januar der deprimierendste Tag des Jahres sei. Dieser könne mit einer Gleichung, die der Psychologe Cliff Arnall aufgestellt hat, wissenschaftlich berechnet werden.

Der Name „Blue Monday“ ergibt sich aus dem englischen Wort für traurig oder deprimiert, wofür „blue“ neben der Farbe Blau ebenfalls steht. Einem kanadischen Medienbericht zufolge habe Arnall von Sky Travel für seine Arbeit 1200 britische Pfund erhalten.

Wie errechnet Arnall den traurigsten Tag des Jahres?

Dafür hat der Brite verschiedene Variablen in eine Formel verpackt, die tatsächlich einen Einfluss auf unser Gemüt haben können:

  • Das Wetter
  • Schulden von denen das Januargehalt abgezogen wird
  • Die Zeit, die seit Weihnachten vergangen ist
  • Gute Vorsätze, die schon über Bord geworfen wurden
  • Das Motivationslevel
  • Das Bedürfnis, aktiv zu sein

Maßeinheiten zu seinen Variablen gab Arnall nicht an. Wenn er das getan hätte, wäre vermutlich auch Nicht-Wissenschaftlern aufgefallen, dass am Ende wohl kaum ein Datum als Ergebnis herauskommen kann - egal, wie die Werte dividiert, multipliziert, addiert oder subtrahiert werden.

Lässt sich ein Traurigkeitslevel überhaupt berechnen?

„'Traurigkeitslevel' klingt nach allgemeingültigen Maßen und kritischen Schwellen. Traurigkeit, Trauer, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder Enttäuschung sind hinsichtlich der Ursachen, ihrer Dauer und Ausprägung aber sehr individuell“, sagt Thordis Bethlehem auf Nachfrage von Schwäbische.de.

Der Vorsitzenden der baden-württembergischen Landesgruppe des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen erscheint die Auswahl der Faktoren in Arnalls Formel unpassend, da sie nur eine kleine Bandbreite von Dingen abbilde, die Einfluss auf unsere Stimmung haben könnten.

Sascha Hunner, Facharzt für Psychiatrie und Chefarzt der Panorama Fachklinik in Scheidegg, verweist ebenfalls darauf, dass weitere biografische, psychologische und soziale Faktoren zu einer Einschätzung, unter welchen Belastungen ein Mensch steht, herangezogen werden müssten. „Eine solch allgemeine Formel kann in meinen Augen eigentlich nicht ernst gemeint sein“, sagt Hunner.

Was ist dran an Arnalls Formel?

Die Gleichung des Briten wurde von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern schnell als Pseudowissenschaft eingestuft. Schon die Veröffentlichung durch Sky Travel legt nahe, dass der „Blue Monday“ nur ein Marketing-Gag ist. Schließlich buchen viele Menschen im Januar ihren Sommerurlaub. 

Dennoch haben die ausgewählten Faktoren einen gewissen Einfluss auf die menschliche Psyche. „Zweifellos ist der mitteleuropäische Winter eine relativ sonnenlichtarme Zeit – die Tage sind kurz, die Sonne steht nicht hoch am Himmel, der noch dazu häufig bewölkt ist“, sagt Hunner. „Der Begriff der saisonalen oder Winterdepression ist in der Psychiatrie daher durchaus ein Begriff.“

Bei den guten Vorsätzen, dem Motivationslevel und der sportlichen Aktivität kann sich Hunner ebenfalls sehr gut vorstellen, dass diese Faktoren im Januar auf einem Tiefstand angekommen sind. Deutlich kritischer ist Psychologin Thordis Bethlehem:

Das Modell erscheint mir nur für ausgewählte Beispiele alltagstauglich. Und dann eher als Anleitung zum Unglücklichsein.

Arnall lieferte übrigens auch gleich eine Formel für den glücklichsten Tag des Jahres. Dieser sei ein Freitag im Juni rund um die Sonnenwende, wenn es auf der Nordhalbkugel am längsten hell ist. Dieses Datum hat passenderweise ein britisches Eiscreme-Unternehmen veröffentlicht. 

Freitag also glücklich und Montag traurig?

Jim Davis, der Zeichner des verfressenen Comic-Katers Garfield, würde nun vermutlich sagen, er habe es immer gesagt. Sein weltweit bekannter Charakter hasst Montage und auch in der Gesellschaft ist der Wochenstart gemeinhin als unattraktivster Tag der Woche bekannt. Die "The Boomtown Rats" klagten bereist 1979 "I don't like Mondays". Die "Bangles" besangen 1986 den "Manic Monday" - zahlreiche Popsongs thematisieren nervige Montage.

„Das Problem am Montag ist, dass er nach dem Sonntag liegt“, sagt Sascha Hunner lakonisch. „Die Psyche, und das ist auch meine persönliche Ansicht und Erfahrung, hat bei vielen Menschen erst am Sonntag allmählich zu realisieren begonnen, dass sie ein, zwei Gänge herunterschalten kann“, führt er aus.

Nur wenige Stunden später sei das Wochenende vorbei. Unter anderem deshalb spricht sich Hunner für eine Vier-Tage-Woche statt fünf Tagen Arbeit aus: „Die Seele bräuchte im Grunde drei Tage Auszeit, um eine gute Balance wahren zu können.“

Thordis Bethlehem verweist allerdings auf eine veränderte Arbeitswelt: „Es basiert auf der heute längst nicht mehr angemessenen Prämisse, dass alle Welt am Sonntag die Arbeit ruhen lässt und am Montag wieder arbeiten muss“.

Mittlerweile hat die Wissenschaft sogar gezeigt, dass es Menschen am Montag gar nicht so schlecht geht. „Nicht zuletzt eine Studie der Uni Leipzig aus dem vergangenen Jahr hat wie andere teils deutlich größere Studien bereits eine Evidenz für ein reell schlechteres Befinden am Montag widerlegt“, sagt Hunner.

Was sagt Cliff Arnell selbst zum „Blue Monday“?

In einem Bericht der spanischen Tageszeitung „ABC“ vom 18. Januar 2016, dem damaligen „Blue Monday“, rief Arnell unter dem Motto #stopbluemonday auf einmal selbst dazu auf, seine Idee abzulehnen.

Zumindest laut Bild und Überschrift, denn beim Lesen des Texts wird schnell klar: #stopbluemonday ist eine touristische Werbeaktion der Kanarischen Inseln. Die Botschaft: Mit einem Urlaub auf den Kanaren könnten die Menschen dem „Blue Monday“ entfliehen.

Gegenüber der britischen Zeitung „Daily Mirror“ sagte Arnell im Januar 2018, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, den Tag negativ zu besetzen. 

„Der Januar ist tatsächlich eine großartige Zeit, um die großen Entscheidungen für das kommende Jahr zu treffen“, wird Arnell zitiert. Es könnte abseits der ganzen Werbeaktionen für Touristik und Eiscreme seine tatsächliche Meinung zum „Blue Monday“ sein.

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