Bildung für kleine Leute: Erste ganzjährige Kinder-Uni

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Deutsche Presse-Agentur

Kinder-Unis gibt es viele. Ein Klick und das Internet weist in Deutschland über 90 Universitäten aus, die in den Semesterferien Vorlesungen speziell für Kinder und Jugendliche anbieten.

Das nordbadische Bretten (Kreis Karlsruhe) findet sich auf der Karte nicht - und doch gibt es in dieser kleinen Stadt im Kraichgau die bundesweit erste Kinder-Uni, die sich ganzjährig an Kinder wendet, selbstständig organisiert und ohne Anbindung an eine Universität. „Neu bei uns ist, dass wir die Kinder nicht nur mit Wissen vollstopfen, sondern ihre ganze Persönlichkeit fördern, Talente erkennen, vernetztes Denken anregen wollen“, sagt Claudia Keller.

Keller wendet sich mit ihrer 2005 gegründeten Kinder- und Jugend-Uni an alle Kinder gleich welchen Bildungshintergrunds. Seit Januar 2008 kümmert sie sich im Rahmen eines „Kompetenzzentrums für Hochbegabung“ außerdem um besonders begabte Kinder.

Derzeit gibt es drei nach Alter geordnete Studiengruppen für Wissbegierige bis 6, 10 und 15 Jahre. Rund 30 kleine Studenten besuchen die Uni pro Semester. Der Anteil hochbegabter Kinder betrug im Wintersemester 2008 nach Angaben Kellers 70 Prozent. Die Uni bietet pro Woche zwei bis drei Vorlesungen am Nachmittag an, hat einen Vorschulstudiengang im Programm und veranstaltet in den Sommerferien vier Wochen „Sommer-Kinder-Uni“. Kooperiert wird mit Universitäten bundesweit, mit ausländischen Universitäten bislang in Wien und Hiroshima sowie Grundschulen und weiterführenden Schulen.

„Das Angebot dieser Kinder-Uni ist wegweisend, weil es im Sinne der Allgemeinbildung auf Kinder mit ihrer Begabung eingeht“, sagt Christina Schenz, die als Professorin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe für Begabtenforschung zuständig ist. „Das Angebot der anderen Kinder-Unis findet nur während der Semesterferien statt und ist fachlich oft sehr eingeengt“, sagt sie. Die Kinder-Uni Bretten bietet den Kindern ein „studium generale“ an - quer durch alle Wissensbereiche aus Medizin, Biologie, Soziologie, Geschichte oder auch aus der praktischen Arbeit eines Polizisten („Vom Krimi zur Realität“) oder einer Tierärztin („Tierische Schmerzen“). „Coole Themen“ finden Jöran (8) und Jascha (10).

„Ein solches Angebot hat uns jahrelang gefehlt“, sagt Sabine Burger. Ihr Sohn Pascal hat die Kinder-Uni eineinhalb Jahre lang besucht und als „Jung-Dozent“ sogar selbst zwei Vorlesungen über Meteorologie gehalten. Jetzt ist er 16 und studiert neben der Schule noch Mathematik in Karlsruhe.

Pflichtveranstaltungen befassen sich mit Themen wie Rhetorik, Sozialkompetenzen und Umgangsformen. Keller geht jedes Semester einmal mit den Kindern essen. Sie müssen ein Fünf-Gänge-Menü durchhalten: Stillsitzen, gute Manieren und das Probieren merkwürdiger Gerichte jenseits von Pommes und Pizza inklusive. Überhaupt werden Umgangsformen groß geschrieben: Jeder Dozent wird von einem der zuhörenden Kindern nach der Vorlesung mit Dank und Handschlag verabschiedet. „Das gehört sich einfach so“, sagt Keller.

„Hier wird über das Wissen versucht, eine Haltung einzunehmen“ formuliert es Professorin Schenz. Sie initiierte vor gut einem Jahr an der PH Karlsruhe das Projekt „Zebra“ mit dem Ziel, ein Netzwerk zu schaffen, dass Experten, Schüler, Ämter bei der Förderung von begabten Kindern transparent vernetzt. Eine ihrer Studentinnen schreibt in diesem Zusammenhang derzeit eine Diplomarbeit über die Kinder-Uni Bretten.

Auch in Bretten gilt aber wie so oft: Bildung ist teuer und eine Frage des Geldbeutels. Denn die Kinder-Uni, die ohne öffentliche Förderung auskommen muss, kostet trotz denkbar knapper Kalkulation knapp 300 Euro pro Kind und Semester, auf staatliche Förderung hat sie keinen Anspruch. Stipendien für Kinder mit wenig Geld wären Kellers großer Wunsch: „Sponsoren willkommen.“

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