Berufswunsch Lehrer, Ingenieur oder Arzt - wovon jesidische Kinder träumen

Ein Blick in einen der Schulbusse im nordirakischen Camp Mam Rashan, die aus Mitteln der Weihnachtsspendenaktion „Helfen bringt
Ein Blick in einen der Schulbusse im nordirakischen Camp Mam Rashan, die aus Mitteln der Weihnachtsspendenaktion „Helfen bringt Freude“ finanziert werden. Campleiter Shero Smo bittet um weitere Hilfe für Treibstoff, Reparaturen und den Lohn für die Fahrer, damit die Busse die Jugendlichen auch künftig zum Gymnasium fahren können: „Nur so erhalten die jungen Leute Bildungschancen!“ (Foto: Ludger Möllers)
Berlin-Korrespondentin

Nicht zur Schule gehen zu können: Der 15-jährige Salam weiß, wie sich das anfühlt. Er hat diese Erfahrung schon einmal gemacht. 2014 und 2015 war das. In diesen beiden Jahren war der jesidische Junge zusammen mit seinen fünf Geschwistern und seinen Eltern auf der Flucht im Nordirak, nachdem die Terrormiliz „Islamischer Staat“ sein Dorf im Shingal-Gebiet angegriffen hatte.

Erst als die Familie eine Unterkunft im Camp Mam Rashan in der Nähe der kurdischen Provinzhauptstadt Dohuk fand, konnte Salam wieder zur Schule gehen – und zwar „sehr gerne“, wie er in einem Videotelefonat erzählt. Seit Monaten muss er darauf erneut verzichten – wegen der Corona-Pandemie, die auch im Irak dazu geführt hat, dass landesweit Schulen und Universitäten geschlossen wurden. Die Zahl der Neuinfektionen ist inzwischen gesunken, deshalb soll am 10. Januar der Unterricht wieder losgehen. Ein Tag, auf den Salam seit Monaten gewartet hat. Der 15-Jährige muss einiges nachholen, wenn sein Berufswunsch – Lehrer oder Ingenieur – Wirklichkeit werden soll.

Sie lernen Englisch, Arabisch, Türkisch

Salam steht stellvertretend für Zehntausende jesidische Kinder, die mit ihren Eltern seit der Flucht aus dem Shingal-Gebiet in den Flüchtlingscamps bei Dohuk leben. Die älteren von ihnen haben erlebt, wie der IS Anfang August 2014 in ihre Dörfer einfiel, wie Tausende Menschen sofort getötet und weitere Tausende verschleppt wurden.

 Die Grundschule im Camp Mam Rashan: Hier fehlen ausgebildete Lehrer.
Die Grundschule im Camp Mam Rashan: Hier fehlen ausgebildete Lehrer. (Foto: Ludger Möllers)

Die Kinder haben die Flucht überstanden, haben Hunger und Elend ausgehalten. In den Camps, in denen sie seit circa fünf Jahren wohnen, sind sie zwar in Sicherheit, doch auch hier ist die Not groß – vor allem in der Corona-Krise. Viele Eltern haben kein regelmäßiges Einkommen und sind auf Hilfe angewiesen. Denjenigen, die bislang als Tagelöhner in der Landwirtschaft gearbeitet haben, ist das Einkommen weggebrochen, weil sie die Camps nicht mehr verlassen konnten. Vielleicht erklärt auch das den Hunger vieler junger Jesiden nach einer guten Schulbildung. Ihnen reicht es offenbar nicht mehr, Gärtner und Landwirte zu sein, wie es die Jesiden seit Jahrhunderten waren. Sie lernen Englisch, Arabisch, auch Türkisch, um einen Beruf zu finden, der sie unabhängig macht von den Almosen anderer.

Von 60 Schülern machen 50 Abitur

Es ist eine wahre Erfolgsgeschichte, von der Shero Smo und Amer Abo, die Leiter der von der „Schwäbischen Zeitung“ unterstützten Flüchtlingscamps Mam Rashan und Sheikhan, berichten. Von 60 Schülern in einem Jahrgang machten derzeit rund 50 Abitur – mit der Aussicht, anschließend studieren zu können. Insgesamt sei es in den vergangenen fünf Jahren trotz aller Schwierigkeiten mehr als 600 Schülerinnen und Schülern gelungen, ihre Schulausbildung mit dem Abitur abzuschließen.

„Bildung hat für die Jesiden einen ganz anderen Stellenwert bekommen in den vergangenen Jahren“, sagen Smo und Abo. Die Eltern wünschten sich inzwischen, dass ihre Kinder Ärzte, Lehrer oder Ingenieure werden. Das wäre vor wenigen Jahren, als die Jesiden noch weitgehend zurückgezogen in der bergigen Shingal-Region lebten, so nicht denkbar gewesen. Damals war es für sie nicht so wichtig, dass ihre Kinder eine gute Schul- und Berufsausbildung haben. Das wenige, was sie zum Leben brauchten, konnten sie größtenteils mit ihrer Hände Arbeit erwirtschaften.

Die Mädchen haben hier viel bessere Bildungschancen als in unseren Heimatdörfern.

Salam Yusef, Lehrer 

Doch der IS hat ihre Lebensgrundlagen in der Shingal-Region zunichte gemacht. Neben den zerstörten Dörfern blieben nach dem Abzug der Terrormiliz verminte Felder zurück, auf denen sich wegen der tödlichen Gefahr kein Getreide anbauen lässt. Auch deshalb wohnen nach wie vor circa 250.000 Jesiden in Flüchtlingscamps, obwohl die irakische Zentralregierung in Bagdad auf eine Rückkehr in ihre Heimatdörfer drängt und eine Prämie von 1200 Dollar für Rückkehrer in Aussicht gestellt hat.

In den Camps mag es eng, ärmlich und staubig sein – aber es gibt auch Lichtblicke in der Not: „Die Mädchen haben hier viel bessere Bildungschancen als in unseren Heimatdörfern“, sagt der 41-jährige Lehrer Salam Yusef, der seit fünf Jahren an der Schule in Mam Rashan unterrichtet, im Skype-Interview. Im Shingal-Gebiet seien die Wege bis zur nächsten Schule mitunter recht weit gewesen. Das habe zur Folge gehabt, dass viele Mädchen ohne Abschluss blieben, kaum lesen und schreiben gelernt haben. „Inzwischen können sie genauso wie ihre Mitschüler Abitur machen und anschließend studieren“, sagt Yusef, der bis zur Zerstörung seines Dorfes Tel Benat im südlichen Shingal-Gebiet durch den IS auch dort als Lehrer gearbeitet hat.

Ohne die Spenden der Leserinnen und Leser der ,Schwäbischen Zeitung‘ hätten wir das nicht hinbekommen.

Die Leiter der Flüchtlingscamps

Die jesidischen Eltern hätten in den vergangenen fünf Jahren viel dazugelernt, sagt der 41-Jährige, der selbst Vater von fünf Kindern ist. „Sie sehen es inzwischen mit Stolz, wenn ihre Kinder etwas anderes werden wollen, als sie selbst sind.“

Der Weg an eine Universität ist geebnet

Ein wenig stolz auf das, was in den vergangenen Jahren erreicht wurde, sind auch die beiden Camp-Leiter Shero Smo und Amer Abo: Mehrere jesidische Schüler aus den Camps hätten im irakweiten Vergleich mit besten Abiturnoten abgeschnitten, berichten sie. Das ebnet den Jugendlichen den Weg an eine staatliche Universität, wo sie gebührenfrei studieren und in einem Internat wohnen können. „Aber ohne internationale Unterstützung, ohne die Spenden der Leserinnen und Leser der ,Schwäbischen Zeitung‘ hätten wir das nicht hinbekommen“, betonen die beiden ein ums andere Mal. Denn das Geld, das sie von staatlicher Seite erwarten können, reicht weder für Schulmaterialien, Reparaturen am Schulgebäude noch für die Schulbusse, die vom Camp bis zum Gymnasium fahren. „Wenn die Busse nicht von Euch unterstützt würden, könnten die Schüler kein Abitur machen, weil der Weg viel zu weit wäre“, sagt Shero Smo.

Nach wie vor sei zudem auch der Bedarf an den kleinen Dingen groß – an Schulranzen, Winterjacken, Stiften und Heften für die Kinder. Selbstverständlichkeiten in Deutschland – unerschwinglich für jesidische Familien, die kaum Geld fürs Essen haben.

Die Zukunft ist noch ungewiss

Doch wie kann die Erfolgsgeschichte Bildung in Zukunft weitergehen, wenn immer mehr Jesiden die Camps verlassen und in ihre Heimat zurückkehren? Diese Frage treibt die beiden Camp-Leiter Shero Smo und Amer Abo, aber natürlich auch die Bewohner der Camps um. Auf der einen Seite geht der Wiederaufbau im Shingal-Gebiet so schleppend voran, dass die meisten Schulgebäude, die vom IS zerstört wurden, noch immer Ruinen sind. Bis dort wieder Unterricht möglich ist, wird es lange dauern.

Auf der anderen Seite sind in den vergangenen Monaten auch etliche Lehrer in die jesidischen Dörfer zurückgekehrt – und fehlen nun in den Camps. „Für uns ist es inzwischen nahezu unmöglich, den Bedarf an Lehrkräften in den Camps zu decken“, sagt Amer Abo. Klassen mussten bereits zusammengelegt werden, damit alle Kinder zur Schule gehen könnten. Auch Unterrichtsstunden in arabischer Sprache, der offiziellen Amtssprache im Irak und im Gouvernement Ninive, zu dem das Shingal-Gebiet gehört, fallen wegen Lehrermangels aus.

Der Lehrer Salam Yusef, der in Mam Rashan Kinder von der fünften bis zur achten Jahrgangsstufe unterrichtet, ist im Camp geblieben – und er will dort so lange leben, wie es geht. „Mich zieht nichts zurück in mein Heimatdorf Tel Benat“, sagt er. Sein Haus wurde zerstört, sein Bruder dort ermordet – „und ich habe nicht die finanziellen Mittel, um uns eine neue Zukunft aufzubauen“, sagt er. Die Schule, in der er vor seiner Flucht vor dem IS unterrichtet habe, habe den Angriff der Islamisten zwar überstanden, sei aber stark renovierungsbedürftig. „Dorthin gehe ich nur zurück, wenn ich keine Alternative habe“, betont Yusef.

Auch der 15-jährige Schüler Salam setzt darauf, dass seine Familie noch möglichst lang in Mam Rashan bleibt – auch wegen der Schule im Camp. Ihm gefällt es, dass in seiner Klasse Mädchen und Jungen sind, dass im Unterricht alle gleichbehandelt werden und auch die gleichen Chancen auf eine weiterführende Schule haben. Zehn lange Corona-Monate hat Salam nun gewartet, bis der Unterricht am 10. Januar wieder losgeht. „Das war hoffentlich das letzte Mal, dass ich so lange nicht zur Schule gehen konnte“, sagt er.

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