Bericht: Jugendlicher richtet Blutbad an Schule an

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Deutsche Presse-Agentur

Es ist Mittwochmorgen, gegen 9.30 Uhr, als ein junger Mann im schwarzen Kampfanzug in die Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart stürmt. Der 17-jährige kennt die Schule gut, er hat hier im vergangenen Sommer seinen Abschluss gemacht.

Tim K. stürmt durch drei Klassenzimmer und erschießt acht Schülerinnen und einen Schüler, von denen die meisten direkt hinter der Tür sitzen. Fast alle werden mit Kopfschüssen ermordet. „Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand“, sagt Innenminister Heribert Rech (CDU) fast neun Stunden später, immer noch fassungslos mit Tränen in den Augen.

Der geübte Sportschütze erschießt in der Schule auch kaltblütig drei Lehrerinnen. Möglicherweise hat der Konrektor Schlimmeres verhindert. Per Lautsprecher soll er „Frau Koma kommt“ durchgesagt haben. „Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen“, sagt eine Schülerin über die Rettungsaktion. Kurz darauf flüchtet der Todesschütze vor der anrückenden Polizei. Wenige Minuten später sieht es um die Schule herum aus wie im Krieg: Hunderte Polizeifahrzeuge, schwer bewaffnete Beamte, zahllose Sondereinsatzkräfte und Rettungsfahrzeuge versperren den Zugang.

Gegen 9.40 Uhr erschießt der Täter auf dem Gelände eines nahe gelegenen Krankenhauses für psychisch Kranke einen Beschäftigten. „Ich habe sechs bis sieben Schüsse gehört. Ich darf meine Station nicht mehr verlassen“, berichtet eine Mitarbeiterin der Klinik. Damit ist das Drama noch lange nicht beendet.

9.45 Uhr: Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt einen VW Sharan, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn von der Rückbank aus zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen. Die Polizei hat zu diesem Zeitpunkt die Spur des Täters verloren.

Kurz vor 12.00 Uhr: Erst an einer Kontrollstelle bei Wendlingen muss der Fahrer in einer Kurve stark abbremsen und gerät auf einen Grünstreifen. Hier gelingt es ihm, aus den Fängen des Amokläufers zu fliehen. Der 17-Jährige nimmt ebenfalls Reißaus und läuft in ein angrenzendes Industriegebiet.

12.15 Uhr: Tim K. stürmt in ein VW-Autohaus, um sich einen Wagen zu besorgen. Dort eröffnet er sofort das Feuer und erschießt einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, die gerade in einem Verkaufsgespräch sind. Wieder vor dem Gebäude schießt er auf mehrere ankommende Streifenwagen. Gegenüber vom Autohaus wird er am Bein verletzt und schießt sich schließlich selbst in den Kopf.

Davon haben Nachbarn direkt nichts mitbekommen. Aber als sie die Polizei sieht, ist für Sema Yanik sofort klar, um was es geht. Die Kassiererin an einer kleinen Tankstelle im Industriegebiet von Wendlingen sagt: „Ich wusste, das muss etwas mit dem Amoklauf zu tun haben.“ Polizeisprecher Hans-Dieter Wagner sagt: „Warum er gerade hierher gekommen ist, wissen wir auch nicht, es gibt da bisher keine Verbindung.“ Polizeipräsident Erwin Hetger sagt später, die Flucht sei von Tim K. „nicht mehr geplant, nicht mehr strukturiert“ gewesen.

Vor dem Absperrband um den Tatort sammeln sich den ganzen Nachmittag lang immer wieder Schaulustige. „Ich hab' einen Schuss gehört“, sagt Isuf Tahiri. Der 15-Jährige wohnt in der Nachbarschaft. Isufs Bruder Tarzan sagt, er habe den Amokschützen sogar über einen Supermarkt-Parkplatz laufen sehen. „Dann hat mich die Polizei verscheucht.“ Sema Yanik erzählt, sie habe keine Angst gehabt. „Ich hätte mein Kassenhäuschen im Notfall abgeschlossen“, sagt die Kassiererin. „Aber es ist komisch: Als ich das heute Morgen zum ersten Mal gehört hab, kam mir das unendlich weit weg vor.“

Im 42 Kilometer entfernten Leutenbach tragen Polizisten Kisten mit Beweismaterial aus dem weißen Elternhaus des Amokläufers. In dem 3000 Seelen zählenden Ortsteil Weiler zum Stein ist das Entsetzen groß. Ratlos stehen die Nachbarn an der Straße und beobachten die Arbeit der Ermittler. „Das war ein ruhiger, sehr zurückhaltender Junge. Bei dem hat man nichts Schlimmes gemerkt“, sagt ein Jugendlicher aus dem Ort über den Täter. Dieser sei zwar immer wieder von Gleichaltrigen geärgert worden, habe das aber 'runtergeschluckt. Vom Waffenarsenal des Vaters, der im Schützenverein in Winnenden aktiv ist, habe man im Ort nichts gewusst. „Ich kriege Gänsehaut, wenn ich das im Fernsehen immer wieder sehe“, erzählt der Jugendliche.

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