Bericht: Finanzkrise beschäftigt Narren

Lesedauer: 5 Min
Deutsche Presse-Agentur

Die Finanzkrise macht auch vor Karneval und Fastnacht nicht Halt: Skrupellose Banker und ratlose Politiker haben an diesem Rosenmontag die Motivwagen der Straßenumzüge beherrscht.

So balancierte in Köln ein Banker mit prall gefüllter Geldtasche auf einem Drahtseil, während die Bürger unter ihm ein menschliches Sicherheitsnetz bildeten. Figuren von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) warfen in Mainz schwächelnden Unternehmen einen Rettungsring zu. Bundesweit feierten Hunderttausende den Höhepunkt der Straßenfastnacht - nicht nur in den Karnevalshochburgen am Rhein.

Allein in Köln rollten rund 150 Fest- und Prunkwagen durch die Stadt, etwa 11 500 Teilnehmer bildeten den größten Karnevalszug Deutschlands. Die Zahl der Zuschauer liege wie im Vorjahr bei etwa 1,2 bis 1,3 Millionen, sagte Sigrid Krebs, Sprecherin des Festkomitees Kölner Karneval. Trotz einzelner Schauer reckten sich die Narren nach „Strüßje und Kamelle“ (Blumensträußen und Bonbons) - ganz nach dem Motto „Unser Fastelovend - himmlisch jeck“.

Mehrere hunderttausend Fastnachtfans bejubelten trotz Schmuddelwetters den Mainzer Rosenmontagszug, bei dem sich unter dem Motto „Mainzer Fastnacht - Freude pur“ mehr als 9700 Teilnehmer auf den Weg gemacht hatten. Auffallend viele Zuschauer steckten in einem Ganzkörperkostüm, darunter Krokodile, ein Känguru oder ein Huhn.

„Ein Indianer empfindet keinen Schmerz“, kommentierte Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) mit hohem Zylinder, roter Fliege und groß kariertem Jackett den Motivwagen, der sich mit dem Landesvater selbst beschäftigt. Darauf ist der 60-Jährige (nach dem Rücktritt als SPD-Bundesvorsitzender) mit Pfeilen im Rücken auf dem Weg zurück in die Mainzer Staatskanzlei zu sehen. „Von hinten wie von vorne gut getroffen“, sagte Beck in die Fernsehkamera.

In Düsseldorf starteten unter dem Motto „Do bes de platt“ (Da bist du platt) etwa 70 Motivwagen mit einer ganzen Reihe gepfefferter politischer Anspielungen: So reichte in einer Szene Papst Benedikt XVI. huldvoll lächelnd dem Holocaust-Leugner und Pius-Bruder Richard Williamson die Hand. Der erzkonservative Bischof kam als Teufel mit der unmissverständlichen Aufschrift „Antisemitismus“ daher. Auf einem anderen Wagen erschien Bundeskanzlerin Merkel in Anlehnung an die antike „Kapitolinische Wölfin“ Roms als nackte „kapitulierende Wölfin“ auf allen Vieren. An den prallen Zitzen mit der Aufschrift „Abwrackprämie“ und „Bankenhilfe“ labten sich die Notleidenden. In Köln hatte eine entblößte Darstellung der Kanzlerin vor dem Umzug für Wirbel gesorgt - der Figur wurde schließlich ein Bikini übergemalt.

Auch in Mainz gab es Streit um zu viel nackte Haut: Eine Pappmaché-Nonne sollte von einem „Nacktscanner“ durchleuchtet ursprünglich ohne Büstenhalter im knallroten Tanga und mit Strapsen durch die Straßen der Landeshauptstadt fahren. Nach Beschwerden der katholischen Kirche war statt der intimen Details nun der Schriftzug „Bildstörung“ zu sehen.

Viele andere Städte standen am Rosenmontag ebenfalls unter dem Regiment der Narren. Mehr als 5000 Teilnehmer zählte beispielsweise der närrische Umzug in Koblenz, in Aachen zogen 124 Fußgruppen, Prunkwagen und Musikkapellen durch die Stadt. Auch in Köthen und Halle in Sachsen-Anhalt lockten Rosenmontagszüge Zehntausende zum Feiern auf die Straße. Im hessischen Herbstein hüpfte der „Bajazz“ traditionell von Geschäft zu Geschäft, die „Kleidlesträger“ im baden- württembergischen Rottweil zeigten bereits am frühen Morgen ihren Narrensprung.

Im westfälischen Beckum wurde der Rosenmontagszug dagegen abgesagt. Am Tag zuvor waren Stadtprinz Reinhard IV. und seine beiden Hofmarschälle beim Rathaussturm gestürzt. Der Prinz und einer seiner Begleiter erlitten schwere Kopfverletzungen, der andere Hofmarschall eine Gehirnerschütterung.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen