Beim Naturschutz liegt die Latte für die Landwirte hoch

Seit 2021 gelten in bestimmten Bereichen noch strengere Düngebeschränkungen. Auch der Ostalbkreis hat aus diesem Grund „rote“ un
Seit 2021 gelten in bestimmten Bereichen noch strengere Düngebeschränkungen. Auch der Ostalbkreis hat aus diesem Grund „rote“ und „gelbe“ Gebiete ausgewiesen. Rote Gebiete weisen erhöhte Nitratwerte auf, gelbe Gebiete sind mit Phosphat angereichert, (Foto: Jens Büttner/dpa)
IPF- UND JAGST-ZEITUNG

Neue Düngeverordnung und Vorgaben der Handelsunternehmen: 2021 sind auf die Landwirte neue Herausforderungen zugekommen. Der Leiter des Geschäftsbereichs Landwirtschaft beim Landratsamt Ostalbkreis, Helmut Hessenauer, hat einen Rückblick auf das Landwirtschaftsjahr geworfen:

Herausforderungen gab es 2021 auch von der Regulierungsseite. Die im Mai 2020 novellierte Düngeverordnung sah vor, dass die Länder sogenannte rote und gelbe Gebiete ausweisen mussten. In diesen Gebieten gelten ab 2021 zusätzliche Düngebeschränkungen. Rote Gebiete sind Gebiete mit erhöhter Nitratbelastung bei einzelnen Messstellen, auch wenn dort kein Trinkwasser gewonnen wird. Im Ostalbkreis wurden fünf solche Gebiete ausgewiesen. Sie sind oft sehr klein. Dennoch belasten die Beschränkungen die Betriebe in Einzelfällen erheblich. Bei den gelben Gebieten handelt es sich um die Einzugsbereiche von Gewässern, die mit Phosphat angereichert sind. Sie sind großflächiger, es gelten jedoch weniger zusätzliche Vorgaben.

Beim Pflanzenschutz ist das Mitte 2020 vom Land Baden-Württemberg verabschiedete Biodiversitäts-Stärkungsgesetz in der Umsetzung. So ist der Pflanzenschutz auf Ackerflächen in Naturschutzgebieten ab 2022 verboten. Im Ostalbkreis gibt es 42 Naturschutzgebiete, in denen rund 165 Hektar Ackerflächen liegen. Auf ihnen dürfen künftig keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Nur Betriebe, die sehr viele Flächen dort haben und bei denen unzumutbare Härten auftreten, können Ausnahmen erhalten, die sich aber immer an den naturschutzfachlichen Zielen orientieren. Für den Pflanzenschutz in anderen Schutzgebieten, wie den Landschaftsschutzgebieten und den Natura-2000-Gebieten, gelten zusätzliche Maßnahmen des integrierten Pflanzenschutzes. Hiervon sind weit mehr Betriebe betroffen.

Im Biodiversitäts-Stärkungsgesetz ist festgelegt, dass der Anteil der ökologischen Landwirtschaft auf 30 bis 40 Prozent bis zum Jahr 2030 steigen soll. Auch die Menge chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel soll im gleichen Zeitraum um 40 bis 50 Prozent reduziert werden. Damit diese Ziele erreicht werden, bedarf es Anreize über Förderprogramme, aber auch Beratung und Unterstützung der Betriebe.

Im ökologischen Landbau ist es nicht damit getan, dass viele Betriebe umstellen und ökologisch wirtschaften. Parallel dazu muss auch die Nachfrage nach ökologisch und möglichst in der Region erzeugten Produkten steigen. Es braucht also Impulse entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der Ostalbkreis hat sich daher bereits 2020 zusammen mit dem Rems-Murr-Kreis als Biomusterregion beworben und auch den Zuschlag erhalten. Biomusterregionen erhalten eine Förderung für ein Regionalmanagement, das dann Projekte in der Region initiiert und umsetzt.

Es geht dabei um die Förderung des Ökolandbaus und um eine höhere Wertschöpfung in der Region. Mittlerweile hat das Regionalmanagement seine Arbeit aufgenommen und erste Projekte befinden sich in der Umsetzung. Die beiden Landkreise ergänzen sich in ihrem Produktportfolio und vereinen die Nähe zum Ballungsraum zu dem mehr ländlich geprägten Raum hier auf der Ostalb. Die Chancen für Synergieeffekte stehen daher gut.

Das Biodiversitäts-Stärkungsgesetz wendet sich jedoch nicht nur an Landwirte. Es enthält auch Vorgaben, um die Luftverschmutzung zu minimieren und verbietet Schottergärten auf Privatgrundstücken. Streuobstbestände werden geschützt und auch landwirtschaftliche Flächen sollen erhalten bleiben.

Regulierungen und Produktionsvorgaben gibt es jedoch nicht nur vom Gesetzgeber. Auch der Handel nimmt gesellschaftliche Strömungen auf und setzt sie in Vorgaben um. So kündigten einige Lebensmitteleinzelhändler an, künftig nur noch Fleisch aus tiergerechteren Haltungsformen zu verkaufen, die deutlich über dem gesetzlichen Standard liegen. Um diese Vorgaben einzuhalten, müssen Ställe umgebaut werden. Dies ist aber nicht immer möglich, so dass in den seitherigen Ställen erzeugte Tiere wahrscheinlich nur noch mit deutlichen Abschlägen verkauft werden können. Die gesamte Tierhaltung steht daher vor einem Transformationsprozess, der mit immensen Investitionen verbunden ist. Weil alle Beteiligten von der Notwendigkeit dieses Prozesses überzeugt sind, hat ein vom Bundeslandwirtschaftsministerium eingesetztes Gremium, die sogenannte Borchert-Kommission, Finanzierungsvorschläge für diese Transformation gemacht. Eine politische Entscheidung darüber steht noch aus.

Insgesamt herrscht vor allem in der Schweineerzeugung eine großes Maß an Verunsicherung. Mit Abstrichen gilt dies auch für die Milchviehhaltung. Hier steht die Anbindehaltung in der Kritik. Sie findet ausschließlich in kleinen Betrieben statt. Leider führt kein Weg daran vorbei, dass zusätzliche Regulierungen, unabhängig von welcher Seite sie kommen, kleine Betriebe zur Aufgabe der Tierhaltung zwingen – trotz Beteuerungen, dass diese Betriebe erhalten werden sollen.

Ähnliche Ambivalenzen gibt es auch bei einem anderen Thema: dem Flächenverbrauch. Auch hier gab und gibt es Ziele, den Verbrauch an landwirtschaftlichen Flächen zu minimieren. Die Realität sieht jedoch anders aus. Der Bedarf an Wohnraum ist groß und auch der in weiten Teilen der Industrie anstehende Transformationsprozess erfordert neue Gewerbeflächen. Hinzu kommt der beschleunigte Ausbau der Erneuerbaren Energien in Form von Photovoltaik und Windenergieanlagen. Dadurch werden der Landwirtschaft Flächen entzogen, die sie dringend braucht. Es gibt keine einfachen Lösungen, aber Ansatzpunkte sind verdichtetes Bauen, Vorrang der Innenentwicklung, Nutzung von Gewerbebrachen und Doppelnutzungen wie bei der Agriphotovoltaik.

„Die Herausforderungen an die Landwirtschaft sind im Jahr 2021 nicht kleiner geworden. Es kommt darauf an, wie damit umgegangen wird. Jeder Wandel bietet auch Chancen“, schreibt Hessenauer. Viele Landwirte würden dies erkennen und gestalteten diesen Prozess. Dennoch kommt Hessenauer zu dem Schluss: „Strukturbrüche werden aber nicht ausbleiben.“

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