„Babyblues“: Experte fordert mehr Hilfe für junge Mütter

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Deutsche Presse-Agentur

Dass mit der Geburt eines Kindes für Frauen nicht immer Glück einhergeht, sondern manchmal ernste psychische Probleme, wissen viele Frauen und auch Ärzte nicht.

Um Müttern wie Kindern besser helfen zu können, sollten die Behandlungsmöglichkeiten ausgebaut werden, fordert Wolfgang Jordan, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Magdeburg. „Das Thema psychiatrische Störungen nach der Geburt ist bundesweit vernachlässigt. Wir haben einen großen Versorgungs- und Finanzierungsengpass bei Mutter-Kind-Einheiten“, sagte Jordan.

Nach Hochrechnungen seien für eine bedarfsgerechte Behandlung bundesweit 750 Betten nötig, derzeit gebe es aber nur rund 150. Meist handele es sich bei Depressionen mit anhaltend gedrückter Stimmung, Ängsten, Panikattacken und Tötungsgedanken um heimliche Erkrankungen. „Die Betroffenen haben Scham und fühlen sich schuldig“, sagte Jordan. Angehörige und Ärzte seien überfordert. Mit dem Thema befasst sich das bundesweite Symposium „Mutterglück am Abgrund?“ (26. bis 27. Februar) in Magdeburg.

Es sei zu wenig bekannt, dass der „Babyblues“, der mehr als die Hälfte der frischgebackenen Mütter für wenige Tage in Traurigkeit, Versorgungsängste oder Weinanfälle treibe, in Angsterkrankungen übergehen könne, sagte Jordan. Schwerwiegende psychiatrische Störungen mit wahnhaftem Erleben kämen bei 0,1 bis 0,2 Prozent der Mütter vor. Das Problem nehme zu, wie auch die Depressionen insgesamt zunähmen.

„Wenn wir es nicht schaffen, die Mutter und das Kind gemeinsam zu behandeln, haben wir die Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie von morgen“, sagte Jordan. Der Grund: Mit schwerwiegenden Störungen bei der Mutter werde der Säugling in seiner sensiblen Entwicklungsphase getroffen. Langfristige Entwicklungsstörungen könnten auftreten.

In Magdeburg wird die Mutter-Kind-Einheit, in der neben speziell geschulte Therapeuten auch Hebammen, Erzieher sowie Still- und Erziehungsberater mitarbeiten, seit 2005 betrieben. Bezahlt werde nur die reguläre Behandlung der Patientinnen, als würden sie ohne Kind aufgenommen, sagte Jordan. „Es gibt keinen Anreiz, so etwas zu betreiben. Das ist ein Verlustgeschäft.“ Die Therapie umfasse unter anderem Gesprächs-, Psycho- oder Körpertherapie. Die Behandlung sei schwierig, weil nicht alle Medikamente eingesetzt werden könnten und die Familie einbezogen werden müsse.

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