Autobahnkirchen sind auch Rastplätze für die Seele

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Deutsche Presse-Agentur

Die Einträge im Gästebuch der Autobahnkirche im rheinhessischen Waldlaubersheim sind international. Auf Englisch, Polnisch, Tschechisch oder auch Niederländisch und Deutsch haben Gläubige ihre Gedanken, Gebete und Wünsche hinterlassen.

„Danke, dass Du mich von meiner Sucht befreit hast“, heißt es dort anonym oder „Ollie“ schreibt: „Fast ein halbes Jahr bin ich hin und her gependelt, habe hier auf halber Strecke gehalten und gesund Dein Haus aufgesucht.“ Die Evangelische Martinskirche in Waldlaubersheim ist eine von derzeit 33 Autobahnkirchen in Deutschland.

Sie laden „zu Entspannung, Besinnung und Andacht“ ein, schreibt die Bruderhilfe Pax Familienfürsorge in Kassel und stellt auf der Internetseite „autobahnkirche.info“ alle Gebäude unter dem Motto „Rastplätze für die Seele“ vor. „Wer in Autobahnkirchen Rast gemacht hat, der fährt danach gelassener, rücksichtsvoller und sicherer. Der Besuch einer Autobahnkirche ist damit auch ein Beitrag zur Verkehrssicherheit“, schreibt der kirchliche Versicherer. Aber was macht eine Kirche zur Autobahnkirche? „Sie darf nicht weit von einer Abfahrt entfernt sein und hat den ganzen Tag geöffnet“, sagt Birgit Krause, Mitarbeiterin der Bruderhilfe.

Einen festen Verbund der Autobahnkirchen gebe es zwar nicht, jedoch träfen sich alle Pfarrer einmal im Jahr zum Gedankenaustausch auf einer Tagung. Die Mehrzahl der Autobahnkirchen sei evangelisch, grundsätzlich stünden diese Häuser jedoch allen Gläubigen offen, sagt Krause. Auch wenn die Kirchen manchmal etwas abseits und einsam liegen, Vandalismus sei dort kein größeres Problem als woanders auch. „Es kommt ja häufig jemand rein, da greift die soziale Kontrolle.“

Die Martinskirche war bis 1991 eine „ganz normale“ Gemeindekirche für die Waldlaubersheimer. Dann kam ein Winzer aus der Gegend auf die Idee, dort eine Autobahnkirche einzurichten. „Er war bei den Weinauslieferungen viel mit dem Auto unterwegs - und kannte den Stress auf der Straße“, erzählt der Pfarrer der Martinskirche, Joachim Deserno. „Wir haben uns am Anfang viele Gedanken gemacht, was wir den Besuchern bieten müssen. Dann wurde klar: Die wollen gar nicht viel.“

Wichtig sei neben dem Besucherbuch, dass sich Gläubige einen Segen mitnehmen können. Der steht in einem kleinen Faltblatt, das in der Kirche ausliegt. Zudem gibt es ein großes rotes Holzkreuz, an dem man Gebete und Gedanken heften kann. In einer Ecke neben dem Altar können Kerzen angezündet werden. Im hinteren Bereich des Kirchenschiffes, unter der schönen alten Orgel, steht ein Kindertisch mit Spielzeug und Büchern. „Der hat sich auch schon bei den Gemeindegottesdiensten bewährt“, sagt Deserno.

Wissenschaftler der Katholischen Fachhochschule Freiburg haben kürzlich untersucht, welche Menschen an Autobahnkirchen haltmachen und was sie dort erwarten. Laut Studie sind zwei Drittel der Besucher älter als 50 Jahre - und Männer überproportional vertreten. Bei der Auswertung von 400 Fragebögen kam zudem heraus, dass zwei Drittel der Besucher die Autobahnkirche nicht nur zum Ausruhen nutzen, sondern dort auch beten, eine Kerze anzünden oder an einem Gottesdienst teilnehmen. Insgesamt sind Katholiken deutlich überrepräsentiert. Autobahnkirchen sind eine deutsche Erfindung; 2008 feierte die erste bei Adelsried an der A8 ihr 50-jähriges Jubiläum.

Informationen der Bruderhilfe: www.autobahnkirche.info

Informationen des Chorus Verlages: www.autobahnkirchen.de

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