Aussicht auf Altersabenteuer beflügelt

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Schwäbische Zeitung

Von unserer Redakteurin Ruth Auchter

Lemke hat das Haus vor Jahren für sich und seine Kinder gekauft und liebevoll umgebaut – doch „jetzt bin ich alleine hier, und das ist einfach doof“. Seine Kinder sind ebenso in alle Himmelsrichtungen ausgeflogen wie die Sprösslinge seiner Partnerin. Da nistete sich die Idee ein, neue Wege zu gehen – und das Experiment zu wagen, mit anderen Senioren zusammenzuziehen. Beim Protobeispielgucken in Freiburg trafen die beiden unverhofft auf Gleichgesinnte vom Bodensee und flugs gründete man im August vergangenen Jahres den Verein „Aufwind – Wohn- und Lebensgemeinschaften am Bodensee“, der mittlerweile 33 Mitglieder hat und angetreten ist, das Thema Senioren-WGs gesellschaftsfähig zu machen.

Denn „das kühne Ausprobieren neuer Wohn- und Lebensformen“ sei reif, ist Lemke überzeugt – klettert die Zahl älterer Menschen in Deutschland doch unaufhaltsam nach oben. Weil die Angst, irgendwann gebrechlich in einem Heim zu landen ebenso verbreitet ist wie die Sorge, nach der Rente in ein tiefes Loch zu fallen, treten die noch rüstigen Aufwind-Mitglieder, allesamt zwischen 57 und 72 Jahre, die Flucht nach vorn an.

Hausgemeinschaft angestrebt

Und suchen das passende Quartier für ihre Hausgemeinschaft: Schon existiert ein Architektenentwurf davon – eine Gruppe von zwölf Leuten soll darin heimisch werden. Paare kriegen um die 70, Singles um die 50 Quadratmeter – jeweils in abgetrennten Wohnungen mit eigenem Bad und eigener Küche. Schließlich ist man sich bewusst, dass es durchaus eine Herausforderung bedeutet, sich im Alter nochmal mit Haut und Haar „auf Menschen in ihrer ganzen Andersartigkeit einzulassen“, wie Lemke einräumt.

Und Sich-Einlassen ist definitiv angesagt: Setzen die Aufwind-Mitglieder doch auf „mehr aus gute Nachbarschaft“ – nämlich auf eine Hausgemeinschaft. Darum soll der Gemeinschaftsraum das Sahnestückchen in einem solchen Domizil sein. Abgesehen von gemeinsamen Freizeitaktivitäten – bereits Silvester 2008 feiert man gemeinsam im Elsass –, geht’s den Trendsettern darum, miteinander alt zu werden. Was auch bedeutet, sich bei Bedarf gegenseitig zu pflegen. Für so etwas Intimes „möchte ich im Zweifelsfall jemanden haben, den ich kenne und dem ich vertraue“, sagt Lemke.

Und geht davon aus, dass ein solch aktives, selbst organisiertes Leben in der Senioren-Wahlfamilie eine Pflegebedürftigkeit hinauszögern kann – weil man statt alleine Trübsal zu blasen gemeinsam was Sinnvolles tut. Etwas, das Freude macht – Monika Rohde (57), ebenfalls im Aufwind-Vorstand, merkt schon jetzt, wie die Aussicht, im dritten Lebensabschnitt nochmal was ganz Neues anzugehen, sie beflügelt „und mir Energie gibt“. Ihr ist überdies wichtig, ihre zwei Kinder von der Sorge um die Eltern zu entlasten: „Sie wissen, wir kümmern uns um uns selbst und können beruhigt ins Ausland ziehen.“

Noch allerdings lässt das Traumhaus der Zukunft auf sich warten: Appartementhäuser, die für Senioren-WGs ausgelegt sind, gibt’s nämlich noch gar nicht. So ist der Verein derzeit auf der Suche nach einem Bauträger und einem Grundstück. Und hofft auf finanzielle Unterstützung: In Göttingen oder Nürnberg, wo ähnliche Modelle bereits eine Erfolgsgeschichte sind, hat die Stadt beispielsweise eine alte Villa für 25 Jahre unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Warum eine Kommune so was tun sollte? Weil eine Senioren-WG für eine Gemeinde – mal abgesehen von der Kaufkraft – durchaus ein Gewinn sein kann.

„Sind ein Gewinn für eine Stadt“

„Wir sind aktiv und bringen uns jetzt schon ein, sei’s bei der Hausaufgabenbetreuung, als Wahl-Omas oder beim Musizieren in Altenheimen“, sagt Monika Rohde. Außerdem werde es für Gemeinwesen und Gesundheitssystem letztlich günstiger, wenn sich Senioren erstens selber umeinander kümmern und zweitens ein Pflegedienst später mal mehrere Menschen an einem Ort betreuen kann: „Das ist sowohl Bereicherung wie auch Entlastung für eine Stadt“, so Lemke.

Noch sitzt er mit Monika Rohde allerdings am großen Tisch in der großen, leeren Uhldinger Wohnung, knabbert Kekse, hofft auf Bauträger und Sponsoren fürs Vorreiter-Projekt und malt sich aus, wie die Lage 2020 sein könnte: „Auf jeden Fall frühstücken wir zusammen in unserem Gemeinschafts-Penthouse mit Seeblick“, wünscht sich Rohde.

„Und danach“, lacht Hinrich Lemke, „kriegen wir Besuch von einer der 20 weiteren Senioren-WGs, die’s bis dahin im Bodenseekreis gib, und machen einen Ausflug ins Eriskircher Ried. Vorher müssen wir aber noch was an den Speichen eines Rollstuhls richten.“

Für ein passendes Haus in der Zeppelinstadt würde er sofort sein großzügiges, gemütliches Haus in Uhldingen drangeben – auch wenn in der neuen Wohnung, die er mit seiner Lebenspartnerin beziehen würde, kein Platz mehr fürs mit Büchern voll gestopfte Arbeitszimmer ist. Denn, schwärmt Lemke, eine Stadt wie Friedrichshafen hält für ältere Menschen jede Menge bereit: „Die Verkehrsanbindung ist super, man ist ruckzuck in Ulm, kann die Fähre oder den Katamaran nehmen, hat den Flughafen um die Ecke und mit Kunstverein, K 42 und GZH pulst hier die Kultur“.

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