Aufstand vor 50 Jahren endete in Blutbad

Lesedauer: 5 Min
Deutsche Presse-Agentur

Der Dalai Lama hatte das Gefühl „zwischen zwei Vulkanen zu stehen, die jeden Augenblick ausbrechen konnten“. Mehrere tausend aufgebrachte Tibeter, unterstützt von bewaffneten Kämpfern, hatten sich am Morgen des 10. März 1959 vor Norbulinka, seiner Sommerresidenz in Lhasa, versammelt.

Ziel war es, ihr geistliches und weltliches Oberhaupt zu schützen. Das Gerücht hatte die Runde gemacht, dass ihn die Chinesen entführen wollten. Die Stimmung war bedrohlich aufgeheizt: „Chinesen raus!“ und „Tibet gehört den Tibetern!“ Vermeintliche Kollaborateure wurden attackiert; ein tibetischer Beamter in chinesischer Kleidung, der verdächtig erschien, aber nur versehentlich in die Menge geraten war, wurde gesteinigt und getötet. Die Menge johlte.

Der Dalai Lama sah die Wut seines Volkes gegen die chinesische Unterdrückung auf der einen Seite, auf der anderen aber „die von Waffen starrenden Truppen einer aggressiven Besatzungsmacht“, wie das religiöse Oberhaupt der Tibeter drei Jahre später in seinem Buch „Mein Leben und mein Volk“ schilderte. „Wenn es zwischen beiden zu einem Zusammenstoß kam, war der Ausgang vorherzusehen: Das Volk von Lhasa würde erbarmungslos zu Tausenden umgebracht werden, und Lhasa und das übrige Land hätten unter all den Verfolgungen und all der Tyrannei einer schrankenlosen Militärherrschaft zu leiden.“

Längst tobte da schon in den tibetischen Provinzen der bewaffnete Widerstand gegen die chinesischen Truppen, die 1950 nach der Gründung der Volksrepublik in das Hochland einmarschiert waren. Tausende Flüchtlinge campierten um Lhasa, berichteten von Gräueltaten der chinesischen Soldaten, von der Ermordung von Mönchen und dem Versuch der Chinesen, den Buddhismus auszurotten, was die Erbitterung nur noch wachsen ließ. Während Tausende weiter den Sommerpalast mit dem Dalai Lama sicherten, formierten sich antichinesische Demonstrationen in der Stadt. Tibetische Soldaten zogen ihre chinesischen Uniformen aus, schlossen sich der Menge an, verteilten Waffen. Der Dalai Lama appellierte vergeblich für Ruhe. Häuser wurden mit Sandsäcken und Stacheldraht verbarrikadiert.

Die Tibeter in Lhasa rüsteten sich für die letzte Schlacht - in dem naiven Glauben, den Feind in die Flucht schlagen zu können. Da brachten die weit besser gerüsteten chinesischen Truppen längst ihre Geschütze und Maschinengewehre in Position. Die Lage wurde immer bedrohlicher. Während der Dalai Lama ein Orakel befragte, das ihm zur Flucht riet, schlugen am Morgen des 17. März 1959 zwei Geschosse von chinesischen Granatwerfern im Garten der Sommerresidenz ein. Der Aufbruch des Dalai Lama war damit beschlossene Sache. Der damals 24-Jährige legte seine Mönchsrobe ab, zog eine Uniform mit Pelzmütze an und hängte sich ein Gewehr um. Derart als einfacher Soldat verkleidet, schlich er sich unerkannt in der dunklen Nacht aus dem Palast in Richtung Fluss, überquerte ihn in einem Lederboot.

Auf der anderen Seite des Ufers wartete ein Teil seines Gefolges. Die Fluchtroute führte in die Berge, über den Tsangpo Fluss und weiter in ein Gebiet, das Widerstandskämpfer kontrollierten. Der Flüchtlingstrupp wuchs auf 100 Gefolgsleute und mehr als 300 Kämpfer an. Die Chinesen wussten noch nichts von der Flucht, als sie am 20. März den Sommerpalast richtig unter Beschuss nahmen. Die schlecht bewaffneten Tibeter wurden mit Panzern überrollt. Granaten schlugen in Schulen, Häusern und Klöstern ein. Tausende Tibeter fanden den Tod. Lhasa wurde in Trümmer gelegt.

Als der Dalai Lama, der sich zunächst nur im Grenzgebiet zu Indien in Sicherheit bringen wollte, die Nachricht von der Vernichtungsorgie erfuhr und chinesische Angriffe selbst in den Bergen drohten, entschloss er sich zur Flucht nach Indien ins Exil. Geschwächt von einer Erkältung und Darminfektion erreichte der Dalai Lama am 31. März 1959 die indische Grenze.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen