Auch nachhaltige Anlagen schwächeln in der Krise

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Deutsche Presse-Agentur

Der Begriff der Nachhaltigkeit macht längst mehr mehr nur bei der Öko-Fraktion die Runde: Schon vor Jahren hat die Börse das Thema für sich entdeckt. Und gerade jetzt, in der Finanzkrise, besinnen sich viele Anleger wieder auf solide Werte.

Seit Jahren weist der Trend nach oben: Laut einer Studie des Sustainable Business Institute (SBI) an der European Business School in Oestrich-Winkel ist etwa die Zahl von nachhaltig orientierten Fonds stark gestiegen: Die Menge solcher Publikumsfonds hat sich allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz in weniger als drei Jahren mehr als verdoppelt. Auch die Zählung des Brancheninformationsdienstes Ecoreporter.de ergab in den vergangenen Halbjahren jeweils mehr Fonds. Und auch das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) in Berlin hat eine rasante Zunahme beobachtet.

Dabei erscheint der Begriff der Nachhaltigkeit mittlerweile in einem anderen Licht: Vielen geht es längst nicht mehr um „Gutes tun“, denn das grüne Segment lief gut in den vergangenen Jahren. Das hat auch jene angelockt, denen in erster Linie etwas ganz anderes am Herzen liegt: „Derzeit schwimmen auch sehr viele renditeorientierte Anleger auf dieser Welle mit“, sagt Achim Tiffe, Stellvertretender Leiter beim Institut für Finanzdienstleistungen (iff) in Hamburg.

Die hohen Ideale des nachhaltigen Anlegens - sie sind damit wohl in der Realität angekommen. „So ist eben der Markt, es handelt sich schließlich ganz klar um Börseninvestments“, sagt SBI-Leiter Paschen von Flotow. Achim Tiffe sieht außerdem einen „Obama-Effekt“, der vor allem institutionelle Investoren anlockt: „Es wird erwartet, dass unter Obama die USA beim Klimaschutz umschwenken werden, und der Sektor umweltfreundlicher Technologien extrem ausgebaut wird.“ Es gibt aber auch einen Gegentrend, der eben nichts mit Profiten oder Zocken zu tun hat.

„Die Finanzkrise hat gezeigt, dass das Börsengeschehen nichts mehr mit Transparenz zu tun hat“, sagt Volker Weber vom FNG: Nachhaltige Produkte könnten helfen, zu dieser Transparenz zurückzufinden. „Denn der Anleger weiß so, was drin ist in seinem Depot.“ Ähnlich sieht es Pater Anselm Grün, der mehrere Bücher zum Thema ethische Geldanlage veröffentlicht hat: „Die Finanzkrise hat sich ereignet, weil Gier und Maßlosigkeit Überhand genommen haben. Das System kann aber nur funktionieren, wenn die Wirtschaft nachhaltig arbeitet“, sagt der Leiter der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.

Dabei ist oft unklar, was damit gemeint ist: Ursprünglich stammt der Begriff „nachhaltig“ aus der Forstwirtschaft und besagt, dass nur so viel geschlagen werden darf, wie auch nachwachsen kann. Am Finanzmarkt ist das Wort nicht klar definiert. „Und es gibt eine Grauzone“, sagt Weber: Viele Fonds verfolgen zum Beispiel den „Best-in-Class-Ansatz“. Das bedeutet, es werden die besten Unternehmen ihrer Klasse ausgewählt - ob sie nach ethischen oder Umweltkriterien deswegen gut sind, bleibt offen: „Da kann es ihnen beispielsweise passieren, dass ein Ölkonzern mit im Fonds ist, nur weil er ein bisschen umweltfreundlicher ist als die Konkurrenz“, erläutert Tiffe. Und so bleibt Anlegern nur ein genauer Blick in den Verkaufsprospekt.

Klar sein sollte Sparern auch, dass „nachhaltig investieren“ nicht gleichbedeutend ist mit „nachhaltiger Geldanlage“ - etwa für die Altersvorsorge. „Denn nachhaltige Investments sind schwankungsanfällig - wie alle anderen Technologieaktien auch“, sagt Weber - auch Solarunternehmen müssen Rendite erwirtschaften. Und so geht die Finanzkrise an diesen Aktien nicht spurlos vorbei: Der nach strengen Umweltkriterien ausgewählte Natur-Aktien-Index (NAI) etwa sank seit Anfang dieses Jahres bis Ende November von knapp 6000 Punkten um fast 50 Prozent - und damit nur etwas weniger als der DAX.

Literatur: Anselm Grün und Thomas Kohrs, Ethisch Geld anlegen. Vier Türme Verlag, ISBN 978-3-89680-374-0, 22,90 Euro.

Brancheninformationsdienst Ecoreporter: www.ecoreporter.de

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