Antwerpen - So nah und so exotisch

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Deutsche Presse-Agentur

Alte Handelsmetropole, Shopping-Paradies, Hauptstadt der Diamanten: Antwerpen hat viele Gesichter. Obwohl die belgische Metropole nicht weit von Deutschland entfernt liegt, hat sie einige Exotik zu bieten.

Die untergehende Sonne hat das Diamantenviertel von Antwerpen in rubinrotes Licht getaucht. Vor der Börse stehen schwarz gekleidete chassidische Juden mit ihren hohen, teils pelzverbrämten Hüten, unter denen sich die Korkenzieherlocken ringeln, und reden auf Jiddisch übers Geschäft. Antwerpen ist gerade eineinhalb Stunden von Aachen entfernt, doch Exotik liegt manchmal näher als man denkt. „Jerusalem an der Schelde“ ist nur einer der vielen Namen für diese Stadt, die in jedem Viertel ein neues Gesicht offenbart.

Im 16. Jahrhundert waren nur London, Paris und Neapel größer als die Metropole von Flandern mit ihren mehr als 100 000 Einwohnern, und die deutschen Handelshäuser der Welser und Fugger steuerten von der Schelde aus ihre Geschäfte. 1520 kam der Maler Albrecht Dürer aus Nürnberg in die Stadt, zeichnete den Hafen mit seinen Barken und Karavellen, bestieg den Turm der Kathedrale und kaufte vor allem ein - lauter schöne Dinge, die es zu Hause nicht gab.

Antwerpen hatte damals den Beinamen „das Abbild der Welt“, weil Spanier und Portugiesen in dieser bedeutendsten Handelsstadt Europas die Schätze der Alten und Neuen Welt zusammentrugen. Vom Reichtum der „Sinjoren“, der Antwerpener Patrizier, zeugen noch das Rathaus und die Gildehäuser mit ihren Treppengiebeln und Goldskulpturen rund um den Marktplatz. Von dort aus kann man einfach losgehen und ohne Ziel durch die Altstadtgassen wandern. Viele verschwiegene Orte wird man entdecken, Plätze wie den Hendrik Conscienceplein mit einer von Peter Paul Rubens ausgestatteten Barockkirche oder die Alte Börse mit ihren verwunschenen Bogengängen oder den gewundenen Vlaeykensgang.

Aber Antwerpen ist auch eine Großstadt, die unter Belgiern und auch Niederländern vor allem als Einkaufs-, Szene- und Modestadt gefragt ist. Nirgendwo in den Benelux-Ländern sind die Ladenmieten so hoch wie auf Antwerpens Meir, der Einkaufsmeile mit ihren Warenhauspalästen aus der Belle Epoque. Um 1900 war für die französischsprachige belgische Oberschicht die Hauptstadt Brüssel nur „la capitale“, das großbürgerliche Antwerpen aber „la métropole“. Im Hafen wurden damals Elfenbein und Gummi aus dem Kongo entladen. Heute sieht sich die Haute volée auf der Meir und in den angrenzenden Straßen nach Cocktailkleidern und Handtaschen um.

Zwischen Bars und Delikatessengeschäften, Armani-, Versace- und Cartier-Läden locken wie überall in Belgien die Chocolatiers. Der neueste Schrei: Pralinen, die mit echtem Gold überzogen sind - denn „Gold ist essbar und gut verdaulich“, wie die Verkäuferin versichert. Besonderen Ruhm genießt der zu keiner Kette gehörende Chocolatier Burie im Flanierviertel Wilde Zee. Ein paar Häuser weiter bilden sich freitags und samstags lange Schlangen vor der Traditionsbäckerei Goossens. Den Tee nimmt man im Foyer des Bourla-Theaters ein.

Belgien hat generell eine gute Küche, aber Antwerpen profitiert zusätzlich von seinem Völkergemisch. Obwohl die Stadt noch nicht mal eine halbe Million Einwohner zählt, sind dort 170 Nationen vertreten. Die auffallendste Gruppe bilden die 20 000 überwiegend orthodoxen Juden im Diamantenviertel mit seinen 1500 spezialisierten Firmen und vier Börsen. Antwerpen ist noch immer die weitaus bedeutendste Diamantenstadt der Welt.

Früher wurde das Geschäft ganz von den Juden beherrscht, mittlerweile gibt es Konkurrenz vor allem von Indern. Als Folge davon lebt heute etwa ein Viertel der Antwerpener Juden in Armut. Der Bezirk selbst macht einen abweisenden Eindruck. Doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Die versierten Stadtführer, die man über gidsenwerking@stad.antwerpen.be buchen kann, verschaffen dem Besucher Einblicke in das Leben hinter den Fassaden. Oft ist auch ein Synagogenbesuch Bestandteil des Rundgangs.

Vor allem die Chassiden orientieren sich an den Geboten der Schrift. „Orthodox zu sein, bedeutet für uns, dass wir uns noch immer an die Gesetze halten, die uns vor 3000 Jahren auf dem Berg Sinai offenbart worden sind“, erläutert Simone Wenger in der Shmore-Hadas-Synagoge, in der sie einst geheiratet hat. Selbstverständlich hatte sie ihrem Bräutigam bis dahin noch nicht einmal die Hand gegeben. Männer und Frauen leben strikt separat, gehen in gesonderte Schulen und Vereine: „Wir beten getrennt, wir tanzen getrennt, wir angeln getrennt“, sagt Wenger.

Am Rande des Judenviertels ist kürzlich ein glitzernder Hotelturm entstanden. Wie aus einem eben gelandeten Raumschiff blicken die Gäste dort sonntagmorgens beim Frühstück aus der Höhe in eine Welt wie aus dem 19. Jahrhundert herab. Die chassidischen Väter bringen ihre Söhne dann durch die Gassen zur Schule. So muss es früher in vielen Städten Europas gewesen sein. Aber nur in Antwerpen, dem „Abbild der Welt“, kann man es heute noch erleben.

Informationen: Tourismus Flandern-Brüssel, Cäcilienstraße 46, 50667 Köln; Telefon: 0221/270 97 70, E-Mail: Info@flandern.com.

Tourismus Flandern-Brüssel: www.flandern.com

Offizielle Tourismus-Informationen über Antwerpfen: www.antwerpen.be/eCache/BDE/34/463.html

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