Analyse: Zweifel am Tod des „Schlächters“ bleiben

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Deutsche Presse-Agentur

Ein mächtiger Schmiss soll sich über die rechte Wange des „Schlächters“ gezogen haben. Seine Figur? Sportlich, kräftig, Schuhgröße 47.

Sehr viel mehr als diese fast 50 Jahre alten Fakten, ein paar Fotos, einen Hotelbeleg und ungezählte dubiose Hinweise zum meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher Aribert Heim hatten die Fahnder nicht in der Hand, um sich auf die weltweite Suche zu machen. Nun scheint der Fahndungsmarathon nach dem KZ-Arzt, dem berüchtigten „Dr. Tod“, zu Ende zu sein. Schon vor mehr 16 Jahren soll Heim in Kairo gestorben sein, an einem Ort, an dem wohl niemand ernsthaft nach ihm gesucht hat.

Während das baden-württembergische Landeskriminalamt (LKA) von „ernstzunehmenden Informationen“ spricht, seine Quelle aber verschweigt, äußern andere Nazi-Fahnder Zweifel an den Medienberichten. Die Experten der weltweit größten Fahndungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg fragen ebenso nach Beweisen wie die österreichische Justiz. Der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Ephraim Zuroff, meint, die Berichte über Heims angeblichen Tod bewiesen lediglich, dass dieser in Ägypten gelebt habe.

Wie konnte es Heim gelingen, seinen Häschern ein halbes Jahrhundert lang erfolgreich zu entkommen? Denn aus Sicht der meisten Historiker steht die Dimension des Falles Heim den sadistischen Verbrechen eines Josef Mengele, dem „Todesengel von Auschwitz“, kaum nach. Die Heim zugeschriebenen Gräueltaten sind maßlos: Der bestialische Mediziner, 1914 in der Steiermark geboren, soll Insassen als Lagerarzt unter anderem Benzin und Chemikalien ins Herz gespritzt haben, er soll Häftlingen ohne Betäubung Organe entnommen und akribisch Notizen über seine Taten geführt haben. Und dennoch konnte er sich nach dem Krieg eine geachtete Existenz aufbauen und jahrelang unbehelligt mitten in Baden-Baden als Frauenarzt arbeiten. Heute wächst Efeu über das Haus in der Maria-Viktoria-Straße, in dem ein Sohn Heims nach wie vor eine Praxis betreibt.

Erst 1962, die Fahnder hatten einen Tipp bekommen, schien sich die Schlinge endlich zuzuziehen. Jedoch konnte Heim in letzter Minute entkommen. Nach dieser Flucht findet sich wenig mehr als ein Hotelbeleg aus Berlin, wo Heim 1963 nach Vermutungen der Fahnder sein Vermögen ordnen wollte. In Moabit besaß er unter anderem ein großes Mietshaus. Von den Einnahmen konnte er sich lange ganz legal über Wasser halten, bis die Immobilie nach einem Gerichtsbeschluss 1988 verkauft wurde - eine juristische Lösung, um die ganz legale Geldquelle Heims trocken zu legen. Heute liegt rund eine Million Euro auf einem Konto, denn kein einziger Verwandter hat bislang Erbansprüche angemeldet.

Was war nicht alles spekuliert worden um den Mann mit dem Beinamen „Schlächter von Mauthausen“? In Argentinien wurde er vermutet, in Lateinamerika und vor allem immer wieder in Spanien. Erst in der vergangenen Woche hatte die weltweit größte Fahndungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg erneut einen Hinweis erhalten, der Gesuchte lebe in Spanien. Heims Tochter wohnt seit langem in Chile. In Südamerika hatten auch NS-Täter wie der 1994 entdeckte Erich Priebke oder der 1960 gefasste Chef-Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, Unterschlupf gesucht. Immer wieder wurden Informanten zitiert, die Heim auf seiner spektakulären Langzeit-Flucht gesehen haben wollen. Ein israelischer Offizier behauptete sogar, eine Geheimorganisation habe Heim 1982 in Kanada gefangen genommen und auf einer Insel vor der kalifornischen Küste „verurteilt und hingerichtet“.

Beim LKA Baden-Württemberg füllt der Fall Heim bereits 70 Aktenordner. „Wir haben seit Jahrzehnten unendlich viele Spuren in fast alle Winkel dieser Welt verfolgt“, sagte der Richter und Sprecher des Landgerichts Baden-Baden, Heinz Heister. In Ägypten habe man Heim allerdings nicht vermutet.

Ebenso unbeantwortet wie die Umstände seiner Flucht ist bislang die Frage, wie Journalisten aufdecken konnten, was einer Heerschar von Zielfahndern und privat organisierten Nazi-Jägern über mehrere Jahrzehnte nicht gelang. Nicht ganz neu sei das Gerücht, Heim lebe in Nordafrika, erklärte das LKA in Stuttgart nun. Schon 1965 und 1967 habe es Hinweise Richtung Ägypten gegeben, diese seien aber von den ägyptischen Behörden nicht bestätigt worden. „Nach vielen erfolglosen Versuchen anderer Journalisten war dies eine Mischung aus guter Recherche, Zufall und Glück“, meinte Richter Heister.

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