Analyse: Wirtschaft im „Unsicherheitsschock“

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Deutsche Presse-Agentur

Die tiefe Rezession hat Deutschland und Europa weiter fest im Griff.

Fast täglich sorgen die Hiobsbotschaften über Auftragseinbrüche, Milliardenverluste und drohende Pleiten für Erschütterungen an den weltweiten Börsen und machen die Hoffnung auf eine baldige wirtschaftliche Erholung zunichte. Für viele Experten kommt deshalb das neuerliche Stimmungstief der deutschen Wirtschaft nicht überraschend. „Der Sturm geht gerade mitten über uns hinweg“, sagt der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater. Auch wenn die Konjunkturpakete für eine Stabilisierung sorgen könnten, bleibt fraglich, wie nachhaltig die Effekte tatsächlich sind.

Alle Aufmerksamkeit der Ökonomen gilt derzeit den Zukunftserwartungen der Unternehmen. Dass sie sich bei der jüngsten Erhebung des ifo-Index zum zweiten Mal in Folge etwas aufgehellt haben, sehen viele Experten als Strohhalm in der Krise. Doch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer warnt vor vorschnellem Optimismus. „Frühindikatoren legen häufig in einem Monat zu, nur um danach wieder zu fallen“, schreibt er in einer Studie. Trotz gewisser Stabilisierungssignale sei kein Ende der Rezession in Sicht.

Noch immer hat die Weltwirtschaft das Beben durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers nicht überwunden. Seither verharrten die Märkte in einem „globalen Unsicherheitsschock“, der beispielsweise durch die tiefe Krise in Osteuropa noch verschärft werde, sagt Krämer. „Das ist keine einfache Situation.“ Zugleich schüren die harten Fakten weitere Ängste vor einer langen Konjunktur-Talfahrt. So brachen die Auftragseingänge für die Industrie der Eurozone im Dezember erneut drastisch um 22,3 Prozent ein. Und in Deutschland stellt sich die Industrie bereits auf weiter schrumpfende Exporte ein.

Sorgen bereitet den Experten zudem der taumelnde Bankensektor. Nur wenn es gelingt, das weltweite Finanzsystem zu stabilisieren und so den Kreditfluss wieder in Gang zu bringen, sei Licht am Ende des Tunnels in Sicht, sagt Kater. Mit den Konjunkturpaketen hätten sich die Volkswirtschaften Zeit erkauft, doch dürften sie bei ihren Anstrengungen nicht nachlassen. „Ich denke, dass alle Beteiligten den Ernst der Lage erkannt haben. Der Einbruch ist exorbitant, die Herausforderungen sind bei jedem angekommen.“

Erst am Vortag hatte Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter ein Horrorszenario an die Wand gemalt und einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um fünf Prozent für dieses Jahr prognostiziert. Diese Größenordnung sieht das Münchner ifo Institut für Wirtschaftsforschung zwar derzeit nicht. Klar sei aber, dass sich die ifo-Prognose zum Jahreswechsel von minus 2,2 Prozent nicht mehr halten lasse, sagt Konjunkturexperte Gernot Nerb. Er rät zugleich davon ab, die Erwartungen im Wochen-Rhythmus zu revidieren und so für noch mehr Verunsicherung an den Märkten zu sorgen.

Auch Nerb pocht auf weitere politische Anstrengungen, um den Konjunktur-Zug wieder in Fahrt zu bringen. Die etwas zuversichtlicheren Zukunftserwartungen der Unternehmen zeigten, dass es „Vorschusslorbeeren“ für die staatlichen Investitionspakete gebe. Eine dauerhafte Belebung sei aber erst absehbar, wenn die Perspektiven über mehrere Monate hinweg nach oben zeigen. „Bisher gibt es aber noch keine Signale für eine Wende“, sagt der ifo- Experte.

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