Analyse: Wie die USA um Sicherheit in Schulen ringen

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Deutsche Presse-Agentur

In den USA steht der Name Blacksburg für das Grauen, das Deutschland künftig mit dem Ort Winnenden verbinden wird.

Vor beinahe zwei Jahren richtete an der dortigen Technischen Hochschule im US-Staat Virginia ein psychisch kranker Student das schlimmste Blutbad der amerikanischen Geschichte an - 32 Menschen brachte Cho Seung-Hui im Gewaltrausch um. Einiges ist seitdem in Sachen Sicherheit in US-Schulen und an Universitäten in Bewegung gekommen. Doch führte erst der Amoklauf von Alabama am Dienstag, bei dem zehn Menschen und der Täter starben, den Amerikanern wieder drastisch vor Augen - völlige Sicherheit kann es nicht geben. Und nach wie vor scheiden sich in den USA bei der Frage der Waffenkontrolle gewaltig die Geister.

„Es ist ein Kampf“, weiß Jay Spradling, Vizechef der Polizeitruppe an der Staatsuniversität von Arizona. „Ich sehe diese großen Schulen wie eine kleine Stadt. Ich habe keine Zäune oder Tore um meine Uni, sie ist zu groß. Die Zugänge sind frei“, sagt er der „New York Times“. „Wenn Eltern nach einer Uni suchen, die ihre Kinder zu 100 Prozent schützt - das gibt es in unserer heutigen Gesellschaft nicht. Man kann einen Irren nicht davon abhalten, einen Campus zu betreten.“

An der Arizona State University wie an vielen anderen Unis auch trainieren Campus-Sicherheitskräfte gemeinsam mit der örtlichen Polizei, um bei Schießereien schnell und effektiv zu reagieren. Hunderte Hochschulen haben Kommunikationsnetze über E-Mail, Handy oder SMS aufgebaut oder verbessert, um Nachrichten über einen Amoklauf in Windeseile zu verbreiten. Viele Bundesstaaten begannen nach dem Blacksburg-Massaker damit, Menschen mit polizeibekannten geistigen Störungen an eine Datenbank des Bundesbehörden zu melden, die für schnelle Hintergrundchecks benutzt wird.

Erst vor wenigen Tagen stimmte das US-Abgeordnetenhaus der Schaffung eines „Nationalen Zentrums für öffentliche Sicherheit auf dem Campus“ in Washington zu - eine direkte Konsequenz aus dem Blutbad an der Virginia Tech. Dort sollen die Gewaltausbrüche erforscht und Strategien dagegen entwickelt werden. Universitäten und Schulen können außerdem über das Institut Mittel für die Verbesserung ihrer Sicherheitsvorkehrungen erhalten.

Dass das Zentrum nun kommt, ist nach Ansicht des Sicherheitschefs der Princeton-Universität, James Lanzi, deutliches Zeichen für die wachsende Bedeutung des Themas. „Polizeiarbeit auf dem Campus ist ein Wachstumsfeld“, sagte er der Universitätszeitung „The Daily Princetonian“. Doch sei die Aufgabe schwierig, weil Lehranstalten von ihrem Wesen her offene Foren seien. „Man kann nicht einfach Wände und Barrieren rund um einen Campus errichten.“ Auch die Zeitung der Virginia Tech befindet in einem Kommentar, das geplante Institut sei „ein Schritt in die richtige Richtung“. Sicherheitsmaßnahmen wie auf Flughäfen lehnen Fachleute unterdessen unisono ab. „Das ist nicht machbar und wohl auch nicht wünschenswert“, sagt Jo Ann Gora, Präsidentin der Ball State University in Muncie (US-Staat Indiana).

Bleibt der Streit um die Waffenkontrolle, einer der zentralen Kulturkämpfe in den USA. Vor einem Jahr konstatierte das US-Magazin „Time“, dass es in Folge des Blutbades von Virginia lediglich „moderate“ Änderungen bei den Waffengesetzes des Landes gegeben habe. Der dauerhafteste Effekt solcher Massenmorde, befand das Blatt, sei es offenbar, die bereits existierenden Auffassungen über emotionsgeladene Themen wie Waffenkontrolle zu verhärten.

Nach dem Amoklauf von Blacksburg gab es US-weit Initiativen der Waffenlobby, von Studenten und Volksvertretern, das Recht auf das verdeckte Mitführen von Revolvern oder Pistolen auszuweiten - auch auf Geländen der Hochschulen. Eine Studentenorganisation, die sich für das Tragen von Waffen an der Uni einsetzt, will landesweit schon 35 000 Unterstützer geworben haben. „Der Campus als waffenfreie Zone macht gesetzestreue Bürger wehrlos, die sich sonst selbst schützen könnten“, heißt es auf der Webseite der SCCC. Die Gruppe „Studenten für waffenfreie Schulen“ (SGFS) sieht das freilich völlig anders. Wer eine Waffe verdeckt trage, sei bei weitem nicht automatisch gesetzestreu, heißt es auf der Internetseite. Und: „Mehr Waffen auf dem Campus schaffen nur noch weitere Risiken für die Studenten.“

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