Analyse: Traurige Gewissheit am Kölner Unglücksort

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Deutsche Presse-Agentur

Was viele befürchtet haben, ist traurige Gewissheit geworden: Der Einsturz des Historischen Kölner Stadtarchivs hat auch Menschenleben gekostet. Am frühen Sonntagmorgen finden die Einsatzkräfte die Leiche des 17-jährigen Kevin K.

Er wohnte in der Severinstraße im Dachgeschoss von Haus Nummer 230, das bei der Katastrophe ebenfalls zusammengebrochen war. Der Bäckerlehrling lag wohl im Bett, um sich nach seiner Nachtschicht auszuschlafen, als er von den Trümmern getroffen wurde. Nach Polizeiangaben war er sofort tot. Von Kevins Nachbarn, dem 24-jährigem Khalil G., fehlte auch am Sonntagnachmittag noch jede Spur.

Den „Krater“ oder den „Trümmerkegel“ nennen die Kölner das Loch an der Severinstraße, das bis oben hin mit Steinen, Geröll, Brettern und anderen Bestandteilen einer ehemals wohlgeordneten Welt gefüllt ist. Vor einer Woche stand hier noch alles: Das Archiv, in dem jede Urkunde der Stadtgeschichte ihren Platz hatte, und die beiden Nachbarhäuser, wo unter anderem Kevin und Khalil sich ihre „Buden“ eingerichtet hatten. Khalil, ein Design-Student, hatte sich an jenem Dienstag krankgemeldet und war vermutlich ins Bett gegangen, um sich auszukurieren. Als alles rundherum zusammenbricht, kommt für ihn und Kevin jede Warnung zu spät.

Immer wieder greift der Bagger am Sonntag in den Krater und holt eine neue Schaufelladung Schutt heraus, manchmal durchsetzt mit Akten aus der Bismarck-Zeit. Die kleineren Teile tragen Feuerwehrleute von Hand zur Seite. Mehr als 400 Tonnen Schutt werden bis zum Sonntag so nach und nach beiseitegeschafft. Spürhunde laufen über das Trümmerfeld, manchmal bellen sie. „Die Tiere schlagen jedoch bei allem an, was nach Mensch riecht“, erklärt ein Feuerwehrsprecher. Auch bei Kleidungsstücken oder Kissen. Stunde um Stunde vergeht.

Die Ungeduld ist groß. Schließlich konnte erst drei Tage nach dem Unglück überhaupt erst mit der Suche nach den Vermissten begonnen werden. Auswärtige Experten melden sich zu Wort und kritisieren „übertriebene Gefahrenvorsorge“. Die Retter hätten zu lange gezaudert.

Feuerwehrsprecher Daniel Leupold bleibt ganz ruhig, wenn man ihn darauf anspricht. „Ich versichere Ihnen, der Weg, den wir gehen, ist der einzig gangbare“, sagt er. „Man hat da immer diese Bilder aus Erdbebengebieten in Entwicklungsländern vor Augen mit irgendwelchen Laien, die in den Trümmern buddeln. Das ist unverantwortlich.“ An der Kölner Unglücksstelle waren mehrere Hausruinen vom Einsturz bedroht - sie mussten erst abgerissen werden. Außerdem war der Boden so instabil, dass fast 2000 Kubikmeter Beton eingefüllt werden mussten, damit er nicht wegsackte.

Viele stehen jetzt in der Kritik, allen voran die Kölner Verkehrs- Betriebe (KVB). Deren U-Bahn-Bau soll das Unglück verschuldet haben. Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ haben in einem fünf Jahre alten Gutachten nachgelesen, was schon 2004 bemängelt wurde, als ein Kirchturm in der Nähe des Archivs in Schieflage geriet. Demnach wurde kritisiert, dass der „Stützdruck“ beim Bau eines Versorgungstunnels zu niedrig gewesen sei, um die unterirdische Bohrstelle ausreichend zu stabilisieren.

Die KVB haben bisher keinerlei Versäumnisse eingestanden. Nach den Worten des Projektleiters Rolf Papst war der Einsturz „eine nicht aufgeklärte Havarie, die sich in keinster Weise angekündigt hat“. Der Vorstandssprecher der KVB, Jürgen Fenske, entschuldigte sich am Sonntag allerdings im Namen seines Unternehmens: „Die KVB will sich entschuldigen bei den Angehörigen des Opfers - der Opfer - und bei all denjenigen, die sich nun Sorgen machen in Köln.“

Von diesem Montag an sollen die weiträumigen Absperrungen um die Unglücksstelle zurückgefahren werden. Dann werden wohl wieder mehr Kunden die anliegenden Geschäfte besuchen; Anwohner umliegender Straßen können dann wieder bis zu ihren Häusern fahren, ohne jedes Mal eine Berechtigung vorlegen zu müssen; der Unterricht für die Schüler zweier angrenzender Gymnasien wird in provisorischen Räumen wieder aufgenommen.

„Das öffentliche Leben soll so gut wie möglich wieder seinen normalen Weg nehmen“, sagt der Leitende Polizeidirektor Dieter Klinger. Das Leben der Angehörigen der Opfer aber wird nie mehr normal werden. Und auch für die Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben, ist es bis zur Normalität noch weit.

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