Analyse: Seehofer gibt den Besonnenen

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Deutsche Presse-Agentur

Eigentlich ist nur am Anfang alles wie früher bei diesem politischen Aschermittwoch der CSU in Passau. Unter dem Jubel mehrerer tausend Anhänger zieht Parteichef Horst Seehofer in die Dreiländerhalle ein, die Stadtkapelle schmettert den Bayerischen Defiliermarsch.

„Seehofer ist unser Obama“ steht auf einem Plakat, auf einem anderen ist zu lesen: „Yes, we can - mit Horst“. Der 59- Jährige wird von seiner Partei nach dem christsozialen Katastrophenjahr 2008 nach wie vor als Hoffnungsträger gesehen - und der frisch gebackene Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gleich mit.

Doch dann verläuft dieser Aschermittwoch in vielerlei Hinsicht völlig anders als in den Vorjahren - nicht nur, weil Seehofer zwischenzeitlich sichtlich kämpfen muss, um die 80-Minuten-Rede überhaupt durchzustehen und nicht am Rednerpult zusammenzuklappen. Der Grund: ein Virus-Infekt, der ihn seit Tagen plagt. Er habe schon an Franz Müntefering gedacht, sagt Seehofer anschließend. Der SPD- Chef war 2005 auf einer Wahlkampfveranstaltung zusammengebrochen.

Vor allem die Tonlage ist dieses Jahr eine komplett andere - auch wenn Seehofer zu Beginn seiner Rede doch ein wenig den Haudrauf gibt, zum Gefallen des in dieser Hinsicht Stoiber-verwöhnten Publikums. „Irren ist menschlich. Immer irren ist sozialdemokratisch“, zitiert er den früheren Landesvater Franz Josef Strauß. Die Grünen- Vorsitzende Claudia Roth erinnere ihn an das Lied „Es geht eine Träne auf Reisen“, lästert Seehofer. Und die einstige CSU-Rebellin und voraussichtliche Europa-Spitzenkandidatin der Freien Wähler, Gabriele Pauli, bezeichnet er als „Glühwürmchen“.

Balsam für die geschundene CSU-Seele sind auch die Worte, mit denen Seehofer seine Partei rechtzeitig vor der Europa- und der Bundestagswahl wieder zurückmeldet. „Die CSU lebt. Die CSU ist wieder da“, ruft er unter dem Applaus der Zuhörer, die ihm derlei hoffnungsvolle Ansagen danken. Und auch das „Rotationsprinzip“ an der Spitze solle ein Ende haben, fügt Seehofer dann mit Blick auf die turbulenten Führungswechsel der vergangenen beiden Jahre hinzu. Großen Applaus erntet er zudem, als er ankündigt, die CSU werde in der Berliner Koalition und gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) weiterhin „tapfer und mutig“ auftreten. „Es war für Deutschland nie verkehrt, wenn man auf die Bayern rechtzeitig gehört hat.“

Von Minute zu Minute wird der CSU-Chef dann allerdings ernster und nachdenklicher - eine ernste Rede in ernsten Monaten. Gerade in Zeiten der globalen Krise dürfe man sich nicht im kleinteiligen politischen Gezänk verlieren, mahnt Seehofer, und verlangt einen parteiübergreifenden Pakt für Deutschland. „Stehen wir zusammen. Packen wir gemeinsam an“, ruft er und fordert die Zuhörer auf: „Steigen Sie in den Zug der Zuversichtlichen ein.“ Es sei besser, eine Kerze anzuzünden, als über die Dunkelheit zu schimpfen.

Was Seehofer für den Kampf gegen die Wirtschaftskrise als Motto ausgibt, könnte so aber auch für die CSU gelten. Schließlich hat die Partei bei der bayerischen Landtagswahl im vergangenen Herbst mit Pauken und Trompeten ihre absolute Mehrheit verloren. Bei der Europawahl im Juni muss die CSU bundesweit gerechnet fünf Prozent holen, um weiterhin im Europaparlament vertreten zu sein. Und dann kommt die Bundestagswahl mit dem Ziel einer schwarz-gelben Koalition - wofür ein gutes CSU-Ergebnis Voraussetzung ist. Die FDP, in Bayern Koalitionspartner, erwähnt Seehofer in Passau nur am Rande.

Ob irgendwann eine absolute CSU-Mehrheit in Bayern wiederkehrt - dazu schweigt Seehofer. „Wir sind nach wie vor selbstbewusst, aber nicht überheblich“, sagt er lediglich. Es gebe aber zum Erfolg keinen Lift, keinen Aufzug. „Wir müssen schon die Treppe nehmen.“

Alfons Bruns, Ortsbürgermeister im niedersächsischen Himmelsthür und mit dem CSU-Freundeskreis Hildesheim angereist, sieht die Alleinherrschaft der CSU dagegen dauerhaft dahin. „Für uns war Bayern immer 50 plus“, sagt er rückblickend. Aber ist das auch in Zukunft noch zu schaffen? „50 plus wäre schön, glaube ich aber nicht.“ Zumindest mit Seehofers Passauer Auftritt ist Bruns aber im Großen und Ganzen zufrieden. „Nur ein bisschen mehr Haudrauf wäre gut gewesen.“

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