Analyse: „Sarah Barracuda“ besteht Feuerprobe

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Deutsche Presse-Agentur

Noch vor einer Woche kannte sie außerhalb ihres Heimatstaates kaum eine Menschenseele.

Und nun stand die 44-jährige Sarah Palin im gleißenden Scheinwerferlicht auf der Bühne des Parteitags der Republikaner, Tausende im Saal und Millionen vor den Fernsehbildschirmen, und musste die Rede ihres Lebens halten. Von ihrem Auftritt, so war es der Gouverneurin von Alaska seit Tagen eingehämmert worden, könne es abhängen, wer im kommenden Januar ins Weiße Haus einziehen wird. Eine schwere Last für diese Frau, deren politische Welt sich bisher auf den am weitesten entlegenen Landeszipfel der USA konzentrierte, dort, wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagen.

Eine halbe Stunde später konnte Kandidat John McCain, dessen Vize- Wahl die Welt überrascht und eigene Parteistrategen geschockt hatte, nicht nur durchatmen. Er konnte jubilieren. Palin machte ihrem Spitznamen als einstige aggressive Basketballspielerin alle Ehre: „Barracuda“ Sarah biss zu. Frisch, frech und angriffslustig brachte sie das Parteivolk in St. Paul (Minnesota) mit einer funkensprühenden Rede in der Arena zum Toben, bescherte ihm das, was es so dringend benötigte: einen Anlass zum Feiern, zur Begeisterung, zum Solidarisieren - einen kleinen Obama-Effekt. Gab es überhaupt einen kleinen Wermutstropfen, dann jenen: Kaum vorstellbar, McCain könnte mit seiner eigenen Antrittsrede am Donnerstagabend seine Vizekandidatin übertreffen. Für die Medien stand jedenfalls das Urteil schon vorher fest: Es war nicht nur die Nacht von Sarah Palin, sondern wohl auch „ihr“ Parteitag.

Seit McCain sie vor einer Woche als seine Nummer 2 vorstellte, hatte es ohne Unterlass Schlagzeilen um sie gegeben. Und sie waren oft nicht gut. Um ihre mangelnde Erfahrung auf der nationalen und internationalen Bühne ging es, um die schwangere minderjährige Tochter, ein früheres Trunkenheitsdelikt von Ehemann Todd und um „Troopergate“ - den Vorwurf, dass sie aus privaten Gründen, schlichter Rachsucht, einen Behördenchef feuerte, weil dieser nicht spurte.

Man könnte es ihr schon zutrauen nach dieser Rede, die ihr einen neuen Spitznamen eintrug: Pitbull mit Lippenstift. Diese Frau, eine Waffenliebhaberin und strikte Gegnerin des Abtreibungsrechts, von Sexualkundeunterricht in den Schulen und von Homoehen, möchte man nicht als Feindin haben. Mit allem und allen, was ihr in den vergangenen Tagen das Leben schwer gemacht hat und ihr im Wahlkampf das Leben schwer machen könnte, rechnete sie ab. Und das oft mit Spott, Sarkasmus, gekrauster Nase: ein neuer Stil.

Die Medien bekamen ihr Fett weg, aber vor allem die Demokraten und „Elitist“ Barack Obama. Der habe anders als sie außer Reden praktisch nichts vorzuweisen, mokierte sich Palin beispielsweise. „Dieser Mann, der zwei Memoiren auf den Markt gebracht hat, hat kein einziges größeres Gesetz oder eine Reform angestoßen. Meine Mitbürger, die amerikanische Präsidentschaft ist nicht als Reise zur persönlichen Selbstentdeckung gedacht.“ Und ein anderer Hieb: „In der Politik gibt es einige Kandidaten, die die Wandel benutzen, um ihre Karrieren zu fördern. Und dann gibt es jene wie John McCain, die ihre Karriere benutzen, um Wandel zu fördern.“ Was die Medien betrifft: Sie gehe nicht nach Washington, um ihr Wohlwollen zu suchen. „Ich gehe nach Washington, um dem Volk dieses großartigen Landes zu dienen.“

„Obama muss der Schweiß auf der Stirn gestanden haben“, zitierte die „Star Tribune“ einen Delegierten. Das wahrscheinlich wohl nicht. Aber die Demokraten erhielten eine klare Warnung, dass diese Frau nicht zu unterschätzen ist.

Allerdings schränkten viele Kommentatoren am Donnerstag auch ein, dass dies nur der erste Test für die begeisterte Elchjägerin gewesen sei und „wahrscheinlich der leichteste“, wie es etwa die „New York Times“ formulierte. Palin folgte am Mittwoch einem maßgeschneiderten Skript, das ihre Stärken - Reformfreude und unerschrockene Kämpferin gegen Parteifilz und Korruption - betonte und ihre Schwächen umschiffte: praktisch kein Wort in der Rede über die Außen- und Wirtschaftspolitik. Und sie hatte ein Heimspiel. Nun geht es in den Wahlkampf hinaus, wo sie ein Publikum finden wird, das ihr nicht unbedingt wohlgesonnen ist. „Die harten Zeiten kommen noch“, zitierte die „Washington Post“ einen McCain-Mitarbeiter. „McCain musste seine Glaubwürdigkeit als Reformer aufpolieren, und sie hat ihm dabei geholfen. Aber ganz ehrlich: Es geht um alles oder nichts. Sie wird das Boot entweder zum Schwimmen bringen oder versenken.“

Eines hat der McCain aber bei allem Risiko schon erreicht: Die ihm immer noch skeptisch gegenüberstehende Basis ist mit Palin hochzufrieden.

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