Analyse: Rumoren an der Kirchenbasis

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Deutsche Presse-Agentur

Hunderttausende begeisterte Menschen bei den Freiluft-Gottesdiensten in München und Regensburg, Fähnchen schwenkende Gläubige auf den Straßen, applaudierende Priester im Freisinger Dom - der „Heimat“-Besuch des bayerischen Papstes vor zweieinhalb Jahren glich einem Triumphzug.

Doch mit seiner Entscheidung, die Exkommunikation des Traditionalisten-Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson aufzuheben, hat Benedikt XVI. selbst seine treuesten „Schäflein“ vor den Kopf gestoßen. „Das muss der Papst in Ordnung bringen“, sagt der Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Helmut Mangold.

Natürlich verstehe er, wenn Gläubige verärgert auf den Schritt des Papstes reagieren, räumte Mangold am Dienstag im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa ein. Die Antisemitismus-Äußerungen Williamsons und seiner Gesinnungsgenossen „müssen schärfstens verurteilt werden“, so der oberste Vertreter von rund einer Million Laien im Freistaat. Mangold äußert sich zugleich skeptisch, dass der Papst mit seinem Zugehen auf die erzkonservative Priesterbruderschaft St. Pius sein Ziel erreicht, die Einheit der katholischen Kirche wiederherzustellen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Leute die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils anerkennen.“ Dies sei aber Voraussetzung für die Wiederaufnahme in den Schoß der Kirche.

Der katholische Pfarrer von Holzkirchen und Dekan im Landkreis Miesbach, Walter Waldschütz, ringt seit Tagen darum, wie er mit dem Schritt von Benedikt XVI. umgehen soll. „Einerseits finde ich es gut, dass der Papst immer wieder auf Menschen zugeht, die sich abgewandt haben“, sagt er. „Andererseits würde ich mir wünschen, dass er dies nach allen Richtungen tut.“ Sowohl Papst Johannes Paul II. als auch sein Nachfolger seien wahrlich auf die Traditionalisten zugegangen. Wenn die Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius nun auch noch kundtun, sie wollten Rom bekehren und den Vatikan in ihre Richtung führen, „geht das alles andere als in die richtige Richtung“.

Noch deutlicher wird der katholische Pfarrer von Marktl, wo Papst Benedikt als Joseph Ratzinger vor fast 82 Jahren geboren wurde: „Die Wiederaufnahme von Bischof Williamson ist absolut unverständlich“, sagte der 58-Jährige der „Süddeutschen Zeitung (Dienstag). Zugleich sprach er von einer rückwärtsgewandten Kirche. „Das ist insgesamt schon entmutigend, wenn es wieder hinter das Konzil zurückgeht.“

Da hilft auch wenig, dass die bayerischen Bischöfe hörbar um Schadensbegrenzung bemüht sind. Der Vorsitzende der Bayerischen Bischofskonferenz und Münchner Oberhirte Reinhard Marx etwa rief zu einer scharfen Abgrenzung gegen den Antisemitismus und zum Dialog zwischen Juden und Christen auf. „Wie kann man nur auf den Gedanken kommen, in der katholischen Kirche gäbe es Platz für Antisemiten und Leugner des Holocaust“, sagte Marx bei einem Gottesdienst in München. Und mit Blick auf den Zentralrat der Juden in Deutschland, dessen Präsidentin Charlotte Knobloch in München lebt, fügte Marx hinzu: „Nie wieder kann man Juden und Christen gegeneinanderstellen, das darf nie wieder passieren.“

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