Analyse: Pilger feiern Papst trotz Holocaust-Streit

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Deutsche Presse-Agentur

„Es lebe der Papst.“ So rufen die einen. Die anderen schwenken ihre Landesfähnchen, stimmen religiöse Gesänge an. Und sie skandieren immer wieder „Be-ne-det-to“, jubeln dem Heiligen Vater zu.

Von den immer schärferen Tönen der vergangenen eineinhalb Wochen im Streit um den Holocaust-Leugner Richard Williamson ist am Mittwoch bei der Generalaudienz des katholischen Kirchenoberhauptes gar nichts zu spüren. Und auch nichts zu hören: Obwohl manche gespannt gewartet haben auf ein - erneutes - Wort des Papstes zu seinem Zugehen auf die erzkonservativen Traditionalisten, schweigt Benedikt dazu. Er widmet sich Paulus und Petrus. Kaum jemand hatte indes erwarten können, dass der Oberhirte von mehr als einer Milliarde Gläubigen sich sofort noch einmal zum Holocaust äußert, weil die deutsche Kanzlerin gerade von ihm eine Klarstellung verlangt hat. Die Pilger wollen ihn nur feiern.

Draußen auf dem Petersplatz sägen Arbeiter gerade den riesigen Weihnachtsbaum aus Österreich auseinander und bauen die Krippe ab. Beseitigt werden Zeugen einer Zeit, als die Freude über die Geburt des Herrn vorherrschte und Benedikt XVI. die Gewalt im Nahen Osten beklagte. Das scheint weit zurückzuliegen. Dazwischen schob sich die schwerste Krise im bald vierjährigen Pontifikat des 81-Jährigen aus Marktl am Inn. Die offenen Arme für erzkonservative Abweichler mit einem Bischof, der die Judenvernichtung in den Gaskammern leugnet, löste einen Sturm der Entrüstung vor allem in Deutschland aus.

Drinnen in der Audienzhalle blitzen die Digitalkameras, als Benedikt freundlich lächelnd die Menge grüßt. Die Schlangen vor den Sicherheitskontrollen waren wie immer lang. Die Halle ist voll, aber nicht überfüllt - in Rom herrscht Nebensaison, auch für reisende Pilger. Etwas abgespannt und müde wirkt er schon, der Pontifex, den sie jetzt frenetisch bejubeln und mit dem Transparent „ti vogliamo bene“ (wir haben Dich gern) aufmuntern. Deutsche Pilger, befragt nach den Wellen, die der Streit um die Holocaust-Leugnung in der Heimat gerade schlägt, zucken nur die Achseln: „Wir sind einfach gespannt, neugierig.“ Der aufbrandende Beifall müsste ihm jedenfalls gut tun.

Privatsekretär Georg Gänswein an seiner Seite reicht ihm Brille und Texte, während zwei schwarz-rot behelmte Männer der Schweizer Garde die Szene flankieren. Mittwoch ist der Tag der Generalaudienz, Zeit für einen theologisch-historischen Ausflug des hochgebildeten Joseph Ratzinger. Am Mittwoch der Vorwoche hatte er klar gesagt, dass die Juden seine „volle Solidarität“ haben und er jede Leugnung des Holocaust strikt ablehnt. Dass die Krise dennoch nicht beendet ist und sogar Angela Merkel noch die „Klarstellung“ will, spricht er heute jedenfalls nicht an. Schließlich ist er kein Politiker. Und wie hatte sein Medienchef Pater Federico Lombardi am Dienstagabend noch der Kanzlerin entgegnet: „Klarer kann man sich doch nicht äußern.“

Ob Benedikt die Ansicht seines Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone teilt, dass die Angelegenheit eigentlich „erledigt“ ist? Für eine gute Stunde geht es nicht darum: In der Audienzhalle schlagen dem deutschen Papst nur Respekt und Hochschätzung entgegen. Und als polnische Pilger singen, kommt richtig Stimmung in den kühlen Saal.

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