Analyse: Personalpuzzle nach dem „Hammerschlag“

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Deutsche Presse-Agentur

Die Neuen strahlen, der Chef nicht - im Gegenteil. Gezeichnet vom CSU-Chaoswochenende tritt Parteichef Horst Seehofer vor die Kameras, um den neuen Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und dessen Nachfolger als CSU-Generalsekretär, Alexander Dobrindt, vorzustellen.

Fast pausenlos hat er seit Samstagabend versucht, einen Ausweg aus der Krise zu finden, in die Minister Michael Glos mit seinem überraschenden Rücktrittsgesuch die gesamte CSU und vor allem Seehofer selbst gestürzt hatte. Nun also die Lösung: Senkrechtstarter Guttenberg soll es für die CSU richten. Er soll das wirtschaftspolitische Profil der CSU schärfen und seiner Partei - vor allem dem Parteivorsitzenden - zu neuem Glanz verhelfen.

Was Glos angeht, so sagt Seehofer in die Mikrofone, er hege „nicht den geringsten Groll“. Zwischen den Zeilen ist allerdings deutlich das Gegenteil herauszulesen. Schließlich spricht Seehofer in der Pressekonferenz auffallend oft von einer „unerfreulichen Entwicklung“ oder „schmerzlichen Stunden“. Die vergangenen eineinhalb Tage seien ärgerlich und unschön gewesen, „sogar für Michael Glos“, meint er.

Denn Glos, in den vergangenen Monaten ein Hauptleidtragender des neuen Seehoferschen Führungsstils, hat es dem Parteichef zum Ende seiner Karriere so richtig gezeigt. Aus den Medien habe er von Glos' Rücktrittsgesuch erfahren, muss Seehofer einräumen. „Das war so ein schöner Tag, und dann kam so ein Hammerschlag“, sagt Seehofer.

Tatsächlich hat Glos' „Hammerschlag“ den Parteivorsitzenden zur Unzeit getroffen, nämlich relativ kurz vor den Europa- und Bundestagswahlen - beides Schicksalswahlen für die CSU. Und zu einem Zeitpunkt, wo er gerade wieder etwas Ruhe in die nach dem Landtagswahl-Fiasko paralysierte Partei gebracht und die personelle Aufstellung sortiert hatte. Viel früher als gewünscht musste Seehofer nun das fein säuberlich austarierte Personaltableau wieder umwerfen.

Da ist zunächst Landesgruppenchef Peter Ramsauer. Der hätte, erklärt Seehofer, „selbstverständlich“ das erste Zugriffsrecht auf den Ministersessel gehabt. Doch Ramsauer wollte nicht, erhofft er sich doch größeres Gewicht, wenn er das bleibt, was er ist - und damit beispielsweise auch im Berliner Koalitionsausschuss sitzt.

Es bleibt Seehofer, wie er selbst eingesteht, nur eine „Güterabwägung“ - an deren Ende er sich entscheidet, Guttenberg nach Berlin zu schicken. Es ist zwar ein offenes Geheimnis, dass Seehofer seinen Generalsekretär längst für höhere Ämter im Blick hatte - aber erst für die Zeit nach der Wahl. Schließlich muss mit Alexander Dobrindt nun ein neuer, völlig unbekannter Generalsekretär aus dem Stand heraus die für die CSU so entscheidenden Wahlkämpfe managen. Genau deshalb reagieren einige CSU-Vorstandsmitglieder auch durchaus skeptisch auf den Wechsel in der Parteizentrale. Die üblichen 100 Tage Einarbeitungszeit und „Schonfrist“ könne Dobrindt jedenfalls vergessen, heißt es. Denn schon Anfang Juni sei ja die Europawahl.

Horst Seehofer wäre aber nicht Horst Seehofer, wenn er die neuerliche CSU-Krise nicht auch in eine Chance umzudeuten versuchte. Als weiteren Schritt auf dem Weg zur Erneuerung und Verjüngung der Partei verkauft er die Nominierungen Guttenbergs (37), Dobrindts (38) und der neuen Vize-Generalsekretärin Dorothee Bär (30). Wobei sich Guttenberg, ein begabter Redner und versierter Außenpolitiker, Fragen gefallen lassen muss, was ihn wohl dazu befähige, in der Krise das so wichtige Amt des Bundeswirtschaftsministers zu übernehmen. Die Kanzlerin lässt ihn dagegen wissen, er habe ihr „volles Vertrauen“.

Eine andere Lösung hätte sich auch kaum aufgedrängt - auch wegen des Zwangs, den in der CSU so entscheidenden Regionalproporz nach dem Ausscheiden des Franken Glos zu wahren. Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon etwa - der auch als Kandidat galt - ist Oberbayer. Zudem wäre für ihn in München kein geeigneter Nachfolger in Sicht gewesen.

Bleibt die Frage, was nach der Bundestagswahl aus Guttenberg wird - und aus Ramsauer. Denn auch wenn Seehofer betont, es gebe keinerlei Nebenabsprachen, so muss Ramsauer den Aufsteiger Guttenberg als Konkurrenten fürchten, wenn es um den nächsten Landesgruppenvorsitz geht. Dann nämlich, wenn Guttenberg in einer möglichen schwarz-gelben Koalition seinen Ministersessel schon wieder räumen müsste, weil die FDP das Wirtschaftsministerium beansprucht. Nicht ausgeschlossen, dass Seehofer dann das nächste CSU-Personalpuzzle lösen muss.

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