Analyse: Personalpolitik nach Gutsherrenart

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Deutsche Presse-Agentur

Sprachlos und ratlos erlebt man Horst Seehofer äußerst selten. An diesem Wochenende aber steht dem CSU-Vorsitzenden das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos will hinschmeißen - und lässt die Bombe ausgerechnet platzen, als Seehofer mit den Mächtigen dieser Welt auf der Münchner Sicherheitskonferenz zusammensitzt. Hals über Kopf verlassen Seehofer und CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg die Konferenz und ziehen sich in die Staatskanzlei zurück. Wenig später dringt aus Seehofers Machtzentrale dann die ebenso überraschende wie skurrile Nachricht: Der CSU-Chef will Glos nicht gehen lassen. Nicht jetzt.

Personalpolitik nach Gutsherrenart - das ist ein Merkmal von Seehofers Führungsstil, seit er vor gut 100 Tagen zum CSU-Chef und Ministerpräsidenten aufgestiegen ist. Er hat alle über 60-Jährigen aus dem bayerischen Kabinett geworfen, hat junge Nachwuchspolitiker auf wichtige Posten gehievt, Strauß-Tochter Monika Hohlmeier als Europa-Kandidatin installiert - und all dies fast unangefochten. Der 59-Jährige, in der CSU seit dem Fiasko bei der Bayern-Wahl im Herbst 2008 als eine Art Heilsbringer gefeiert, entscheidet eigenmächtig, wer etwas werden darf und wer nicht. Und nun das: ein Minister, der selbst bestimmen will, wann er aufhört. Der damit dem Parteichef das Heft des Handelns aus der Hand nehmen will und dessen Überlegungen zur künftigen Aufstellung der CSU auf Bundesebene massiv durchkreuzt.

Dabei können führende CSU-Politiker Glos' Entscheidung nur allzu gut nachvollziehen. „Gefrustet“ und „innerlich verletzt“ sei der 64-Jährige von der Art und Weise, wie Seehofer in den vergangenen Monaten mit ihm umgesprungen sei, heißt es. „Ich verstehe Michael Glos gut, weil er diese Demütigungen so kurz vor dem Ende seiner Karriere nicht mehr ertragen wollte“, sagt ein CSU-Vorstandsmitglied.

Das Verhältnis zwischen Seehofer und Glos galt bereits länger als äußerst schwierig. Immer wieder soll sich der CSU-Chef zuletzt wenig schmeichelhaft über die Amtsführung des Bundesministers geäußert haben. Verärgert reagierte Seehofer beispielsweise, als Glos ohne Absprache ein eigenes Steuerentlastungskonzept vorstellte. Eine Abfuhr bekam der Minister vom Parteivorsitzenden auch für seinen Vorschlag einer Milliarden-Spritze für den Gesundheitsfonds.

Das Fass zum Überlaufen brachte nun, wie es in der CSU heißt, dass Seehofer hinter Glos' Rücken mögliche Kandidaten für dessen Nachfolge nach der Wahl im September ins Spiel brachte. Der Ingolstädter „Donaukurier“, Seehofers Heimatzeitung, veröffentlichte am Samstag einen Artikel, in dem geschildert wird, dass der CSU-Chef dem bayerischen Unternehmer Thomas Bauer angeblich ein hohes Partei- oder Regierungsamt angeboten hat - was Bauer am Sonntag bestätigte. Daraufhin soll Glos sein Rücktrittsangebot an Seehofer gefaxt und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) informiert haben.

Dass er damit mitten in die Sicherheitskonferenz platzte und Seehofer eiskalt erwischte, störte Glos nicht. „Das zeigt, dass es der Michael Glos gut gemacht hat“, sagt ein CSU-Präside. Damit habe er Seehofer wohl einen letzten „Freundschaftsdienst“ erweisen wollen. Denn tatsächlich steckt Seehofer acht Monate vor der Bundestagswahl nun in der Bredouille - was auch die reflexartige Ablehnung des Rücktrittsgesuchs zeigt. „Der hat niemanden, und deshalb weiß er nicht, was er jetzt tun soll“, sagt ein prominenter CSU-Politiker.

Seehofer wäre es wohl das Liebste, wenn Glos bis zur Wahl bliebe - damit er nach der Wahl die Karten in Berlin neu mischen kann, beispielsweise mit CSU-General Guttenberg als Bundesminister. Denn der kann das Amt jetzt eigentlich noch nicht übernehmen, weil er die CSU in den nächsten Monaten durch zwei wichtige Wahlkämpfe führen muss. Landesgruppenchef Peter Ramsauer will offenbar nicht - und Seehofer will, so heißt es in der Partei, auch Ramsauer nicht. Obwohl es auch Gerüchte gibt, Ramsauer solle überredet werden. Bliebe noch Glos' Staatssekretärin Dagmar Wöhrl. Damit hielte sich Seehofer für die Zeit nach der Wahl alle Optionen offen. Doch Wöhrl gilt in der CSU als „Leichtgewicht“.

Also macht Glos' doch, trotz des beispiellosen Hickhacks, bis zur Wahl weiter? Ramsauer lässt sich in der „Main-Post“ mit den Worten zitieren: „In schwierigsten Zeiten wechselt man nicht die Pferde.“ Ein CSU-Vorstand meint dagegen: „Das wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte.“ Klarheit, wie es nun weitergeht, wird wohl erst das angekündigte persönliche Gespräch Glos-Seehofer bringen. Oder ein denkbarer neuer Brief Glos'. Dann aber nicht mehr mit den Worten: „Ich bitte dich, mich von meinen Ministerpflichten zu entbinden.“ Sondern mit der klaren Ansage: „Ich trete von meinem Amt zurück.“

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