Analyse: Nur die Kleinen haben Grund zum Feiern

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Deutsche Presse-Agentur

Lange Gesichter bei CDU und SPD, Jubel bei den kleinen Parteien: An diesem hessischen Wahlabend könnte die Stimmungslage im Wiesbadener Landtag kaum unterschiedlicher sein.

Die Anhänger der beiden großen politischen Lager finden nur Trost im mäßigen (CDU) bis katastrophalen Abschneiden (SPD) des jeweiligen Rivalen. Ungetrübten Grund zur Freude haben dagegen FDP und Grüne, die jeweils starke Ergebnisse erzielen. Und auch die Linke hat den ersten Hochrechnungen zufolge gute Chancen, den Wiedereinzug in den Landtag zu schaffen.

Laute Freudenschreie erfüllen wenige Sekunden nach 18.00 Uhr den Fraktionsraum der Liberalen. Nach der ersten Prognose schütteln viele Parteianhänger ungläubig den Kopf. „Das hatten wir ja noch nie“, ruft einer. Die Grande Dame der hessischen Liberalen, die langjährige Landeschefin Ruth Wagner, reckt spontan zwei Finger zum Victory-Zeichen. Strahlend umarmt und busselt sie Florian Rentsch, den parlamentarischen Fraktionsgeschäftsführer im Landtag. „Das ist ein historisches Ergebnis“, sagt sie immer wieder in die Mikrofone. „Das hatten wir seit den 1950er Jahren nicht mehr.“ Kurz darauf knallen die Sektkorken.

Dann der Auftritt von Landes- und Fraktionschef Jörg-Uwe Hahn vor einer großen gelben Plakatwand, auf der mit blauer Schrift geschrieben steht: „Unser Wort gilt.“ Doch auch bei Hahn keine Spur von Triumphgeheul, stattdessen gibt er den Staatsmann. Man werde mit der großen Verantwortung in aller Demut und Zurückhaltung umgehen, kündigt er an.

Bei der SPD wird nur einmal gejubelt, nämlich beim CDU-Ergebnis. Danach kehrt rasch die Ernüchterung zurück. Die wenigsten hatten mit einem derart schlechten Ergebnis gerechnet. „Irgendwie hat man ja doch noch gehofft“, sagte ein Fraktionsmitarbeiter. Als sich schon nach einer Viertelstunde die Führungsmannschaft um Thorsten Schäfer-Gümbel und Andrea Ypsilanti zum Podium vorkämpft, klatschen die SPD-Anhänger rhythmisch.

Schäfer-Gümbel - Spitzname TSG - wirkt sehr erschöpft. „Es war eine Denkzettel-Wahl“, resümiert er und wird in seiner Rede immer wieder von Beifall unterbrochen. Mit seinem Schlussappell: „Morgen beginnt die Aufholjagd“ versucht er die enttäuschten Anhänger wieder aufzurichten.

Auch bei der CDU kann Beifall die Enttäuschung kaum überdecken, als die ersten Zahlen über die Bildschirme huschen: Keine 40 Prozent, kaum Zugewinne gegenüber der Pleite vom letzten Jahr, der künftige Partner FDP stark wie nie. „40 Prozent wäre schon das Sahnehäubchen gewesen“, meint Europaminister Volker Hoff. Emotionen kommen erst auf, als die Christdemokraten im Fernsehen ihre Gegnerin Andrea Ypsilanti sehen. Die gesteht eine „schwere Niederlage“ ein. „Historisch schwere Niederlage“ korrigiert Fraktionsgeschäftsführer Axel Wintermeyer halblaut. Bravorufe begleiten Ypsilantis Rücktrittserklärung.

Beifall empfängt schließlich Roland Koch. „Der Spuk ist vorbei, die hessischen Verhältnisse gibt es nicht mehr“, ruft der wiedergewählte Regierungschef. Doch in Gedanken sind die CDU- Politiker schon bei den Koalitionsverhandlungen. Angesichts der starken FDP droht der Union der Verlust von Posten. „Die sind schon bei fünf Prozent nicht bescheiden gewesen“, meint ein Abgeordneter. Wie solle das bei dem liberalen Traumergebnis werden?

Frenetischer Jubel dagegen bei den Grünen. Sie freuen sich über ihr stärkstes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Hessen. Als Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir vor seine Anhänger tritt, wird er mit „Tarek-Tarek“-Sprechchören empfangen. „Es war richtig, auf die Inhalte zu setzen“, sagt er.

Bei der Linkspartei knallen die Sektkorken, als sich nach der ersten Prognose abzeichnet, dass sie die Fünf-Prozent-Hürde erneut überspringen kann. „Wir freuen uns riesig, dass wir höchstwahrscheinlich zum ersten Mal in unserer Geschichte in einem westlichen Flächenland den Wiedereinzug in den Landtag geschafft haben“, sagt der Linken-Landesvorsitzende Ulrich Wilken.

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