Analyse: Nach Winnenden fallen Antworten schwer

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Deutsche Presse-Agentur

Der 11. März 2009 ist so ein Tag, wo plötzlich nichts mehr ist, wie es mal war. Der 17-jährige Tim K. hat mit der kaltblütigen Ermordung von 15 Menschen im ganzen Land Betroffenheit und Nachdenklichkeit ausgelöst.

Tim K. soll sich ausgegrenzt und verkannt gefühlt haben. Zuletzt zog er sich immer mehr zurück, Killerspiele wurden zum Hobby des geübten Sportschützen. Neben dem „Warum“ steht nun die Frage im Raum: „Lässt sich das verhindern?“. Ja, sagt der Gewaltforscher Jens Hoffmann von der TU Darmstadt. Nein, meint Heinz- Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands - er fordert aber: „Was wir dringend brauchen, ist eine Kultur des Hinhörens und Hinsehens.“

Hoffmann sagt, mit seinem Frühwarnsystem lassen sich Amokläufe verhindern. Das Anti-Amok-Modell, das sogenannte Dynamische Risiko- Analyse-System (DyRiAS) wird derzeit an fünf Schulen in Deutschland getestet und soll mögliche Amokläufer und Gewalttäter frühzeitig erkennen. „Es gibt 31 Faktoren, die das Programm prüft und so ein Verhaltensmuster von einem Jugendlichen erstellen kann, der eventuell gefährdet ist“, erklärt der 40-jährige Wissenschaftler. „Ich kenne mindestens zwei Jugendliche, die auf dem Weg zu einem Amoklauf waren und dadurch abgefangen worden sind.“

Verändertes Aussehen, Erstellen von Todeslisten, Hinweise an Freunde im Internet, Rachegefühle und offene Sympathie mit anderen Amokläufern seien Zeichen einer fortgeschrittenen Gefährdung. Immer wieder seien Kränkungen und eine gesuchte Isolation im Vorfeld der Tat zu beobachten. Hoffmann hat das Projekt mit seinem Team seit dem Amoklauf von Erfurt 2002 entwickelt und dafür alle Amokläufe an Schulen weltweit seit 1974 analysiert. Dabei kam heraus, dass 96 der rund 100 Amokläufe von Jungen begangen worden sind. „Viele Täter kündigten an, eine Waffe mit in die Schule zu bringen oder zeigten diese vorher sogar anderen Schülern“, sagte Hoffmann.

Meidinger begrüßt mehr Prävention, schränkt aber ein: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht lauter Amokläufer identifizieren und so an den Schulen ein Klima des Misstrauens schaffen.“ So schlimm die Tat sei, eine solche Tragödie könne leider immer wieder passieren. „Als Schulleiter würde ich mir aber wünschen, dass ich wüsste, welche Eltern von Schulkindern Waffen zu Hause haben, das würde einen ganz anderen Blick eröffnen.“ Forderungen nach Chipkarten-Einlasssystemen oder Metalldetektoren an Schulen erteilt er eine Absage: Am System der offenen Schulen dürfe nicht gerüttelt werden, sonst schaffe man ein Lernklima der Angst. „Mögliche Täter werden immer Wege finden, Waffen reinzuschmuggeln“, sagt Meidinger.

Hoffmann betont, ein klassisches Täterprofil gebe es eben nicht: „Wenn man beispielsweise sagt, potenzielle Täter sind Einzelgänger, männlich und spielen gerne Videospiele, hat man wahrscheinlich zehn Prozent der Schulbevölkerung in Deutschland im Verdacht.“ Er betont, dass mit dem neuen Frühwarnsystem das Risiko minimiert werden kann - ohne einen Generalverdacht zu erzeugen. Entscheidend sei das Erkennen auf dem oft langen Weg zum Amoklauf. „Das passiert nicht spontan.“

Und sonst, welche Möglichkeiten gibt es noch? Nach dem Amoklauf von Erfurt mit 17 Toten wurde das Waffengesetz und der Zugang zu Killerspielen verschärft, die Zahl der Schulpsychologen stieg aber kaum. Allerdings ist umstritten, ob dies die Lösung ist - für die Albertville-Realschule in Winnenden gab es eine Betreuungsmöglichkeit durch einen Psychologen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer zweifelt den Nutzen von mehr Schulpsychologen an, weil sie für gefährdete Schüler Fremde seien, denen sich die Schüler kaum öffnen würden.

Wenn die Frage diskutiert wird, ob sich das verhindern lässt, muss man mit dem naheliegenden anfangen: Dem Blick nach rechts und links. So erinnert Bundespräsident Horst Köhler daran, Signale um uns herum stärker wahrzunehmen. In erster Linie sind die Familien gefragt, hier liegt oft die Keimzelle des Problems - etwa wenn ein Versager-Gefühl Raum greift und Eltern das nicht mitbekommen. Oder wenn sie nicht wahrnehmen, dass das Kind in Killerspiel-Welten eintaucht.

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) regt „Erziehungs- Partnerschaften“ zwischen Schulen und Eltern an, um gemeinsam „solche schrecklichen Ereignisse im Vorfeld zu erkennen und abzuwenden“. Mehr hinschauen, gerade bei Schüler-Mobbing und Diskriminierung, Zugehen auf Einzelgänger, Einbinden statt Ausstoßen - das kann helfen.

Aber letztlich kann man nach Winnenden vorerst nur folgendem Zitat zustimmen: „Wir hatten nicht für möglich gehalten, dass so etwas bei uns geschieht. Wir sollten unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar nahe liegenden Erklärungen. Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht.“ Die Worte stammen vom verstorbenen Bundespräsident Johannes Rau - gesagt auf der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs von Erfurt vor sieben Jahren.

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