Analyse: Mitreißende Wahlkampfrede ohne Pathos

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Deutsche Presse-Agentur

Es war die Nacht des Barack Obama, es war der alles entscheidende Auftritt, die Rede, um die Nation zu begeistern. Über 80 000 Menschen sind an diesem lauen Sommerabend ins Footballstadion von Denver gekommen.

Bis zur letzen Minute hatte Obama, der begnadete Redner, an seinem Manuskript gefeilt. Seine Botschaft ist einfach und klar: Der 47-Jährige, der erste schwarze Präsidentschaftskandidat in der US-Geschichte, will den „amerikanischen Traum“ wiederherstellen. Und so ruft er denn, kaum, dass er ans Podium getreten ist, in die Nacht: „Es ist Zeit, Amerika zu verändern. „Unsere Nation ist im Krieg, unsere Wirtschaft in Aufruhr und das amerikanische Versprechen ist wieder einmal in Gefahr.“

Obama ist ein meisterhafter Rhetoriker, locker und leicht hört sich seine Rede an - aber er vermeidet es geschickt und mit meist ruhiger Stimme, dass sein Publikum nur noch jubelt. „Wir messen die Stärke unserer Wirtschaft nicht an der Zahl der Milliardäre...“, ruft er. „Wir bemessen Fortschritt daran, wie viele Menschen eine Arbeit finden können, um ihre Hypotheken zu bezahlen, und ob sie am Ende des Monats ein bisschen Geld sparen können.“ Das sind Sätze, die das Herz erwärmen.

Die Delegierten rasen vor Begeisterung, das Stadion scheint zu beben. Barack Obama, der Sohn eines kenianischen Austauschstudenten und einer Amerikanerin aus Kansas, bietet sich als Retter an. „Das war weniger eine Rede als eine Symphonie“, schwärmte ein Kommentator des TV-Senders CNN begeistert. „Ein Meisterwerk.“ Andere sahen vielmehr den Pragmatiker am Werk, weniger den Visionär.

Haushoch waren die Erwartungen vor Obamas Auftritt, kein Vergleich war zu hoch, den ganzen Tag über flimmerten die Schwarz-Weiß-Bilder der legendären Rede John F. Kennedys über den Bildschirm mit dem strahlenden jungen Mann, der Amerika 1960 zu den „new frontiers“ aufrief, zu den neuen Grenzen.

Es war eine Herkules-Aufgabe, die Obama zu bewältigen hatte: Er sollte begeistern und inspirieren, seinem Ruf gerecht werden, er sei charismatisch wie einst John F. Kennedy. Aber er wollte Gesten und Phrasen vermeiden, die es den Republikanern leicht machen würden, ihn als hohlen Popstar oder gar als anmaßenden Heiland und Propheten zu diffamieren. Obama sollte kühn den versprochenen „Wandel“ für ein „neues Amerika“ beschreiben, aber gleichzeitig nicht zu vage sein und die Wirtschaftsängste der Mittelklasse aufgreifen, ihnen Mut machen. Er wollte anknüpfen an den Traum Martin Luther Kings, aber er wollte eben nicht der Kandidat der Schwarzen sein, sondern ein Politiker eines einigen, versöhnten Amerikas, dass die Rassengrenzen zumindest politisch endgültig überwunden hat. Obama zeigte sich der gigantische Aufgabe gewachsen.

Zwar starteten die Demokraten mit der „Botschaft aus Denver“ mit einer Hollywood-reifen Show, mit Popstars wie Sheryl Crow und Stevie Wonder, die heiße Phase in dem teuersten Wahlkampf aller Zeiten. Wo normalerweise das Footballteam der „Denver Broncos“ mit Körpereinsatz und Härte um Siege ringt, forderte der kämpferische Obama ein neues Amerika, das wieder jedem, der darum ringt, seine faire Chance gibt.

„Amerika, wir sind besser als diese letzten acht Jahre. Wir sind ein besseres Land.“ Das ist nicht der Obama, den man weltweit kennt, nicht der Obama vom Großen Stern in Berlin, der seine Zuhörer mit Visionen und Träumen in höhere Sphären entrückt. In Denver steht fast schon ein „bodenständiger“ Obama, der auf Pathos bewusst verzichtet, auf der eigenwillig mit griechischen Säulen dekorierten Bühne. Ein Mann, der von den Benzinpreisen spricht, von fallenden Hauspreisen, von all dem also, was die kleinen Leute in Amerika heutzutage drückt - und was möglicherweise die Wahlen am 4. November entscheidet.

Obama trat an diesem historischen Abend nicht in die Fußstapfen des visionären Martin Luther King, sondern vielmehr in die des legendären Wahlkämpfers Bill Clinton. Obama klagte zwar das Versprechen eines besseren Amerikas ein, forderte eine Abkehr von der Machenschaften der Lobbyisten in Washington. Vor allem aber suchte er, wie ihm seine Wahlkampfstrategen geraten hatten, den Draht zu der Arbeitnehmern und der Mittelklasse - also sprach er ihre Tugenden an, Fleiß, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit, teilte ihre Sorgen um Arbeitsplätze und Ausbildung der Kinder. Obama prangerte das Scheitern der republikanischen Ideologie an, die meine, wenn es den Besitzenden und Konzernen gut geht, dass dann auch die normalen Arbeitnehmer profitieren.

Obama nutzte aber das Podium vor zig Millionen Amerikanern vor den Fernsehschirmen, um seinen republikanischen Gegner John McCain anzugreifen, ihn als zwar ehrenwerten Kriegsveteranen, aber auch als blinden Gefolgsmann von US-Präsident George W. Bush darzustellen. Schließlich appellierte er an McCain, die persönlichen Angriffe aufzugeben - die Wahlkampfspots, in denen Zweifel an Obamas Patriotismus geschürt werden, all die schmutzigen Methoden der Unterstellungen und Diffamierungen, mit denen die Republikaner nach Ansicht der Demokraten schon so manchen Wahlkampf in der jüngeren Vergangenheit gewonnen haben.

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