Analyse: Mehdorns schwerster Kampf

Lesedauer: 5 Min
Deutsche Presse-Agentur

Am Ende eines dramatischen Tages stand Hartmut Mehdorn in der 21. Etage seiner gläsernen Konzernzentrale - und blies zum Kampf.

„Jetzt wird mein Rücktritt gefordert“, konstatierte der Bahnchef, nachdem am Freitag wieder neue Vorwürfe in der seit Monaten schwelenden Datenaffäre bekanntgeworden waren. Doch dafür, sagte der 66-Jährige trocken, „stehe ich nicht zur Verfügung“. Dabei war zuvor nicht irgendjemand von ihm abgerückt: Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat entzogen ihm nach Hinweisen auf massenhafte Kontrolle von Mitarbeiter-E-Mails das Vertrauen und dringen jetzt offen auf eine Ablösung des Vorstandschef. Die Luft für den kampferprobten Manager („Ich bin kein Handtuchwerfer“) wird immer dünner.

Gerade einmal zwei Stunden vor Mehdorns abendlicher Reaktion verkündeten die Gewerkschaftsbosse den Bruch mit dem Bahnchef, den sie über Jahre auch gegen Widerstände gestützt hatten. „Es ist der Punkt erreicht, wo der Vorstandsvorsitzende Verantwortung für das übernehmen muss, was in den vergangenen Jahren geschehen ist“, erklärten Alexander Kirchner (Transnet) und Klaus-Dieter Hommel (GDBA) in einem Hotel nahe dem Bahntower am Potsdamer Platz in Berlin. Da waren sie gerade aus einer Sitzung des Aufsichtsrates gekommen, in der die Sonderermittler der Prüfgesellschaft KPMG sowie die Ex-Bundesminister Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin über den Stand ihrer Untersuchungen berichtet hatten.

Auf die Neuigkeiten reagierten die Gewerkschafter entsetzt. Neben dem bereits bekannten Abgleich der Daten von bis zu 170 000 Bahnern hätten die Ermittler über groß angelegte E-Mail-Kontrollen berichtet. Betroffen seien wohl 70 000 bis 80 000 Beschäftigte und damit auch Betriebsräte und Gewerkschafter. Angesichts dieses Ausmaßes der Überwachung sei es jetzt gar nicht mehr wichtig, ob Mehdorn - wie er erneut beteuert habe - nichts davon wusste. „Es ist die Zeit gekommen, politische Verantwortung zu übernehmen“, sagte GDBA-Chef Hommel. Nun müsse sich auch der Bund als Eigentümer der Bahn rasch positionieren. Transnet-Vormann Kirchner, der auch Aufsichtsrats-Vize des Konzerns ist, fasst notfalls auch eine außerordentliche Sitzung des Kontrollgremiums dafür ins Auge.

Dort haben die Arbeitnehmervertreter jedoch keine eigene Mehrheit - im Zweifel könnte es also auf die dann doppelt zu zählende Stimme des Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Müller ankommen. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister im Kabinett des Kanzlers Gerhard Schröder (SPD) hüllte sich aber in Schweigen, als er nach der Sitzung in seine Limousine stieg. Und auch Verkehrs-Staatssekretär Achim Großmann (SPD) wollte sich nicht auf übereilte Schlüsse festlegen. Angesichts der neuen Vorwürfe sei die Bahn aber in einer ganz schwierigen Situation. „Wenn es so passiert ist, ist es dramatisch.“ Zu Mehdorns Zukunft sagte er nur: „Fragen Sie mich das eher mal nächste Woche.“

In der Bedrängnis ging der Bahnchef auf Verteidigungskurs. E-Mail-Kontrollen hätten dem Ziel gedient, Geheimnisverrat zu verhindern. Dass Adress- und Betreffzeilen protokolliert werden dürften, sei in einer Betriebsvereinbarung eigens so vorgesehen, Inhalte seien nicht kontrolliert worden. „Durch die DB AG wurde niemand bespitzelt - weder Journalisten noch Aufsichtsräte noch Politiker oder Gewerkschafter, auch keine Mitarbeiter.“ Fragen beantworten mochte der Bahnchef nach seiner Drei-Minuten-Erklärung nicht. „Wir sehen uns ja am Montag wahrscheinlich zur Bilanzpressekonferenz ohnehin wieder“, sagte er zu den Journalisten. „Und dann können wir da vielleicht dies und jenes noch mal hinterfragen.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen