Analyse: Laune in der CSU auf dem Tiefpunkt

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Deutsche Presse-Agentur

Der Unmut richtet sich gegen vieles und viele: gegen den Führungsstil des Parteichefs Horst Seehofer ebenso wie Glos selbst und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Nach jahrelangen Ergebenheitsadressen an Merkel fällt plötzlich allen auf, dass die Union unter ihrer Regie keine prominenten Fachleute mehr für Wirtschaft und Finanzen hat und die Wähler der FDP scharenweise zulaufen.

In Interviews und Stellungnahmen äußern sich am Dienstag gleich reihenweise Unzufriedene. Eine ganze Riege der von Seehofer Gestürzten und Beiseitegeschobenen kritisiert den Ministerpräsidenten mehr oder minder offen in der „Süddeutschen Zeitung“. Der ehemalige Staatskanzleichef Eberhard Sinner wirft Seehofer vor, er sei „nicht optimal in der Menschenführung“. Der ehemalige Ministerpräsident Günther Beckstein moniert, Glos hätte von allen Seiten mehr Unterstützung verdient gehabt. Vorherrschende Meinung in der CSU ist, dass der gekränkte und frustrierte Glos Seehofer mit seinem Abschied bewusst eine größtmögliche Kröte servierte - ein Racheakt.

Damit hat auch Glos Zorn auf sich gezogen. Der Unterfranke unterrichtete am Samstag seine Parteifreunde im CSU-Bezirksvorstand zwar, dass er nicht mehr Bezirkschef bleiben wolle - verlor aber kein Wort über seinen bevorstehenden Rücktritt als Minister. „Was ist denn das für ein Stil“, zürnt ein Landtagsabgeordneter. „Er verdankt seine Posten schließlich den Wählern und den Gremien.“ Er könne das vielzitierte Wort von der neuen Dialogkultur in der CSU nicht mehr hören, sagt der Abgeordnete. „Das steht mir bis hier.“

Glos selbst beklagt sich stattdessen in der Sitzung der CSU-Landesgruppe am Montagabend lieber über Merkel, wie Teilnehmer berichten. „Sie hat immer geglaubt, ich hätte von vielen Dingen keine Ahnung“, sagte Glos laut „Münchner Merkur“ (Mittwoch). „Stattdessen hängt sie an den Lippen von Finanzminister (Peer) Steinbrück, der sich jeden Satz aufschreiben lassen muss.“

In den oberen Etagen der CSU macht sich die Parteiprominenz derweil Sorgen um die Union. Wirtschaft und Finanzen zählten früher zu den größten Stärken - auf einmal bieten CSU und CDU eine offene Flanke, in die die FDP hineingrätscht. Sogar in Mecklenburg- Vorpommern hätten die Liberalen bei der letzten Landtagswahl sieben Prozent erzielt, stellt ein Kabinettsmitglied fest. „Die Handwerker dort haben alle FDP gewählt.“ Auch jeder in der CSU weiß, dass Guttenberg kein Wirtschaftsfachmann ist.

Doch Gefahr für Seehofer bedeutet all dies nicht - zumindest vorerst nicht. Denn trotz seiner parteiintern höchst unpopulären Neigung, die eigenen Leute abzukanzeln, ist der Partei- und Regierungschef derzeit der Garant dafür, dass die CSU nicht auseinanderfliegt. Nach verbreiteter Einschätzung wären ohne Seehofer die Zentrifugalkräfte in der Partei noch weitaus stärker. „Er hält den Laden zusammen“, sagt ein Spitzenmann.

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