Analyse: Kopfschütteln über Benedikt

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Deutsche Presse-Agentur

Der Papst sorgt für Kopfschütteln. Nur wenige Tage vor dem Holocaust-Gedenktag rehabilitierte Benedikt XVI. vier Bischöfe der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X., darunter den britischen Holocaust-Leugner Richard Williamson.

Und das gerade in dem Jahr, in dem nun endlich die lang besprochene Reise nach Israel Realität werden könnte. Die Entscheidung löste weltweit Entrüstung aus. Der ohnehin mühsame Dialog zwischen Juden und Christen scheint gefährdet. Statt sofort Stellung zu nehmen, wartete der Papst mehrere Tage, ehe er gegen den Holocaust-Leugner Position bezog - allerdings ohne ihn beim Namen zu nennen und ohne die Rehabilitierung, wie von jüdischer Seite gefordert, wieder rückgängig zu machen. Wie ist das Handeln des Papstes zu erklären?

„Er hat das Wohl der kirchlichen Struktur für wichtiger gehalten als die Rücksicht auf die Wahrheit und die Erinnerung an die Toten“, kommentierte die römische Zeitung „La Repubblica“. Vatikan-Pressechef Federico Lombardi und auch der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper werden nicht müde zu betonen, dass man die Dinge auseinanderhalten müsse - die kirchenrechtliche Geste gegenüber den Traditionalisten und die Holocaust-Äußerungen. Kenner des Heiligen Stuhls sprechen von „Betriebsunfall“ und „falscher Beratung“.

Auch wenn Benedikts Steckenpferd von Anfang an die Einheit der Kirche gewesen ist und der Theologe Joseph Ratzinger nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass für ihn diese Einheit ein hohes Gut ist, hinter das andere Ziele auch mal zurücktreten müssen, bleibt die Rehabilitierung der Traditionalisten zum jetzigen Zeitpunkt für viele Beoabchter unbegreiflich. Warum machte er nicht ein Bekenntnis zum Zweiten Vatikanischen Konzil für die abtrünnige Priesterbruderschaft von vorneherein zur Bedingung für eine Wiederaufnahme in den Schoß der Kirche? Nun hat er dies öffentlich verlangt, aber der Schaden scheint kaum wiedergutzumachen.

Ist der Papst gewollt reaktionär, wie Kritiker des einstigen „Panzerkardinals“ Joseph Ratzinger sofort nach seiner Wahl befürchteten, oder steht anderes hinter den diplomatischen Zwischenfällen des deutschen Pontifex? Tatsächlich stellt die unglückselige Rehabilitierung des Holocaust-Leugners nicht den ersten „Betriebsunfall“ seiner Amtszeit dar.

So brach der Pontifex 2006 mit einer gelehrten Rede an „seiner“ Universität Regensburg durch ein unglücklich gewähltes, mittelalterliches Zitat über den Propheten Mohammed weltweite, teils blutige Proteste in der islamischen Welt vom Zaun. Im ehemaligen KZ Auschwitz im Mai desselben Jahres löste Benedikt internationales Stirnrunzeln aus, als er anstatt von der Schuld der Deutschen vom „verführtem Volk“ spracht. Die Hoffnungen auf Öffnung - etwa in der Homosexuellen-Frage oder in Sachen Zölibat, die er 2006 mit seiner ersten Enzyklika über die Liebe „Deus caritas est“ geweckt hatte, werden enttäuscht. Der Papst habe „ungefähr so viel diplomatisches Geschick wie George W. Bush“, beschreibt es Volker Beck, parlamentarischer Geschäftsführer und Sprecher der Grünen. „Muslime, Protestanten, Juden, Homosexuelle - alle stößt er vor den Kopf.“

Im Juli 2007 verärgerte Benedikt die Juden weltweit mit der Wiedereinführung der lateinischen, tridentinischen, Messe, wo in der Karfreitagsliturgie dafür gebetet wird, dass die Juden den Glauben an Jesus Christus finden mögen. 2008 milderte er dann zwar den Text des Gebets ab, aber ohne den Wünschen der Juden nachzukommen.

Am Samstag überraschte das Kirchenoberhaupt schließlich mit der Ernennung des ultrakonservativen Priesters Gerhard Wagner zum Weihbischof von Linz. Der 54-Jährige hat unter anderem mit Satanismus-Vorwürfen an „Harry Potter“-Autorin JK Rowling und der Bewertung des „Katrina“-Hurrikans als Gottesstrafe von sich reden gemacht. Dies sei der „letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen wird“, prophezeit die Reformbewegung „Wir sind Kirche“. Die Kritik an Benedikt nimmt nicht ab. Am Sonntag gab der renommierte belgische Theologie- und Ethikprofessor Jean-Pierre Wils seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekannt. Die Reaktionen in Deutschland fasste ein Kommentator in Anlehnung an eine Schlagzeile der „Bild“-Zeitung in knappe Worte: „Wir sind nicht mehr Papst!“

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