Analyse: Köhler will Weg aus der Krise weisen

Lesedauer: 6 Min
Deutsche Presse-Agentur

Als Bundespräsident Horst Köhler von einer neuen Ordnung der internationalen Finanzmärkte, von mehr Verbraucherschutz spricht, die schweren Sünden der Finanzakrobaten anprangert, zieht ein Donnergrollen über die Elisabethkirche in Berlin-Mitte.

Sturm peitscht an das alte, von Karl Friedrich Schinkel in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts errichtete und im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Gemäuer. Drinnen, wo 300 Gäste im notdürftig sanierten Kirchensaal die diesjährige „Berliner Rede“ verfolgen, ist es ungemütlich kalt. Der Ort und die Umstände sind ein Symbol für die dramatische Lage, die Köhler in seiner Grundsatzrede aufgreift.

Um eine nachhaltige Reparatur des schwer angeschlagenen Weltwirtschaftssystems geht es dem Bundespräsidenten, auch wenn keiner sagen kann, welche Mauern dieses Systems der Finanztsunami noch niederreißen wird. Diese Rede Köhlers hielten viele für überfällig. Er hat zwar zuvor schon hier und da über die gefährliche Lage gesprochen, aber jetzt befasst sich Köhler erstmals umfassend mit der wuchernden Krise, den Sorgen der Menschen, mit Verantwortung und Moral und den aus seiner Sicht unerlässlichen Konsequenzen. „Die Glaubwürdigkeit der Freiheit“ überschreibt er seine immer wieder mit Beifall bedachte Rede.

Bei aller nüchternen Zustandsbeschreibung klingt eine altbekannte Köhler-Melodie durch: Wir können es schaffen. Die Krise könne sich zum Guten wenden, „wenn wir aus Schaden klug werden“, sagt er. Und an anderer Stelle appelliert er: „Überprüfen wir unsere alten Gewissheiten und überwinden wir unsere Angst vor dem Unbekannten. (...) Mir ist nicht bange darum, dass wir es schaffen.“

Köhler will den Weg weisen, lässt aber keinen Zweifel daran, dass der Weg steinig sein wird. Dem Exportweltmeister Deutschland falle der stolze Titel vor die Füße. Aufträge brächen mit nie dagewesener Geschwindigkeit weg. Viele Unternehmen überlebten nur, wenn sie Leute entlassen. „Wir müssen uns darauf einstellen: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland wird sich wieder deutlich erhöhen.“

Er bescheinigt der Politik, der viel zu lange der Wille gefehlt habe, ihr Primat über die Finanzmärkte durchzusetzen, jetzt den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Und Köhler, der aus diesem Finanzsystem kommt, warnt davor, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Die Chance der Krise bestehe darin, dass alle erkennen könnten: Keiner könne mehr dauerhaft nur Vorteile für sich schaffen. „Eigennutz im 21. Jahrhundert heißt: sich umeinander kümmern.“

In der 1929 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise war das anders. Das in die Wirtschaftsgeschichte eingegangene Schlagwort lautete: „Beggar-my-Neighbour-Policy“. Was sinngemäß bedeutet: Schädige den Nachbarn, aber verschone mich. Nationale Egoismen, Protektionismus verschärften damals die Krise. Die Folgen waren fatal. Und heute? „Die Weltwirtschaft ist unser Schicksal“, sagt Köhler. Ein Ausstieg aus der Globalisierung sei unmöglich. Er „würde unseren Wohlstand in kürzester Zeit vernichten.“

Die Überwindung der Krise bedeutet für Köhler auch den Abschied von altem Denken. Ein Systemüberwinder wird er aber nicht. „Gerade die Krise bestätigt den Wert der sozialen Marktwirtschaft.“ Diese Werteordnung erfordert für Köhler ein kontrolliertes Finanzsystem, Moral statt bloßem Profitstreben, einen starken Staat, neue Regeln auch für eine umweltverträgliche Wirtschaft, gar eine ökologische industrielle Revolution und eine Antwort auf die globale soziale Frage. „Ich stehe dazu: Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas“, wiederholt Köhler einen Satz aus seiner Antrittsrede vom 1. Juli 2004.

Verabschiedet hat sich Köhler auch von dem Dogma, permanentes Wachstum sei die Antwort auf alle Fragen. „Wir können uns nicht mehr hauptsächlich auf wirtschaftliches Wachstum als Problemlöser und Friedensstifter in unseren Gesellschaften verlassen“, sagt der gelernte Ökonom. Zufriedenheit und Zusammenhalt könne man nicht länger von einem „Immer Mehr“ abhängig machen. Es gelte, den Wert und die Würde der Arbeit neu zu entdecken. „Was ist der Wert der Arbeit einer Krankenschwester, die nachts einem Patienten in Not hilft und ihm Mitmenschlichkeit schenkt“, fragt Köhler.

Die Kirche, schließt Köhler seine Rede, „spricht zu uns bis heute über das Werk der Zerstörung, das Menschen anrichten können. Aber sie sagt auch: Wir können immer einen neuen Anfang schaffen.“. Der Wiederaufbau der Elisabethkirche soll bis zum 28. Juni 2010 abgeschlossen sein. Ob bis dahin auch die Krise vorbei ist, weiß keiner.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen