Analyse: Kämpfernatur Mehdorn kapituliert

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Deutsche Presse-Agentur

Am Ende kapitulierte die Kämpfernatur. „Meine fast zehnjährige Zeit bei der Bahn war eine gute und tolle Zeit“, sagte Hartmut Mehdorn am Montag noch, bevor er ging. Und seine Stimme klang plötzlich nicht mehr so fest und angriffslustig wie lange gewohnt.

Vom Podium der Bilanzpressekonferenz hatte er da gerade seinen Rücktritt als Vorstandschef angekündigt - als Konsequenz aus den nicht enden wollenden Vorwürfen in der Affäre um Kontrollen von Mitarbeiterdaten, die ihn schließlich den letzten Rückhalt kosteten. Vorzuwerfen habe er sich nichts, betonte er und beklagte bitter eine Kampagne seiner Kritiker. Für den letzten großen Staatskonzern (240 000 Beschäftigte) ist das Ende der „Ära Mehdorn“ eine Zäsur.

Dass er sich zur vorzeitigen Aufgabe getrieben sah, ließ der 66- Jährige durchblicken. Noch am Wochenende hatte Mehdorn („Das Schwenken der Fahne ist für mich nie eine Alternative gewesen“) den Kampf aufgenommen. Die Frage eines Rücktritts stelle sich gar nicht, konterte er auf immer neue Angriffe. Doch nachdem ihm am Freitag die einflussreichen Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat den offenen Bruch erklärt hatten, wurde es einsam um den Manager. Eine Ablösung des leitenden Angestellten „von oben“ verkünden wollte am Montag aber niemand aus der Bundesregierung. Und so gab Mehdorn zum Schluss der Bilanzvorlage in einem Berliner Hotel selbst bekannt, dass er die Auflösung seines bis 2011 laufenden Dienstvertrages angeboten habe.

Auch wenn er mit sich „vollständig im Reinen“ sei, gelte es nun, diese „schlimmen, ja zerstörerischen Debatten“ für das Unternehmen zu beenden, sagte Mehdorn zur Begründung. Seiner Gesamtverantwortung für das, was in der Bahn geschieht, wolle er sich nicht entziehen - und zwar unabhängig davon, ob er von den Vorgängen gewusst habe. In der Sache pochte der oberste Eisenbahner ausdrücklich darauf, dass bei den Kontrollaktionen zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität nicht gegen Gesetze verstoßen worden sei. Das würden die Untersuchungen der Prüfgesellschaft KPMG und der Ex-Bundesminister Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin am Ende schon bestätigen, prophezeite er.

Einen Nachfolger werde der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Müller noch vor der Sommerpause präsentieren, sagte Mehdorn, der für einen „geordneten Übergang“ zur Verfügung stehen will. Tatsächlich dürfte die Entscheidung viel schneller fallen. Wohl an diesem Mittwoch wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Frank- Walter Steinmeier (SPD) mit den zuständigen Ministern über einen neuen Bahnchef beraten. Im Gespräch sind bereits einige Namen - sollte es auf eine schnelle interne Lösung hinauslaufen, werden Fernverkehrs-Chef Nikolaus Breuel oder Logistik-Vorstand Norbert Bensel als denkbare Kandidaten genannt.

Einen Seitenhieb auf diejenigen, die seinen Rücktritt erzwangen, wollte sich Mehdorn in seiner Rückzugs-Erklärung dann aber nicht verkneifen. Ein Führungswechsel mitten in der schlimmsten Rezession der Nachkriegsgeschichte sei „nicht ohne zusätzliches Risiko“ für das Unternehmen und die Arbeitsplätze, gab er zu bedenken. Und betonte, dass er als erfahrener Krisenmanager ja schon bewiesen habe, „zu außergewöhnlichen Sanierungs- und Modernisierungsleistungen“ imstande zu sein.

In der Zeit nach Mehdorn dürfte nun auch die Diskussion über die strategische Ausrichtung der Bahn aufs Neue entflammen - prompt kamen aus der Politik die ersten Rufe nach einer Trennung des Gleisnetzes vom Fahrbetrieb. Die Gewerkschaftsbosse Alexander Kirchner (Transnet) und Klaus-Dieter Hommel (GDBA) betonten, sie erwarteten „ein deutliches Bekenntnis“ der Politik zum Fortbestand des Konzerns in der jetzigen Form - und zwar bevor ein Nachfolger berufen werde.

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