Analyse: Jury ehrte politische Subtilität

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Deutsche Presse-Agentur

Am Ende siegte ein Film mit subtiler politischer Botschaft. Mit dem Goldenen Bären für „La Teta Asustada“ („Die Milch des Leids“) aus Peru würdigte die Berlinale-Jury am Samstagabend einen Film, der künstlerische Kraft mit politischem Anliegen klug vereint.

Die 32-jährige peruanische Regisseurin Claudia Llosa holte damit den Hauptpreis der 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin auf Anhieb in ihr Heimatland, das das erste Mal überhaupt am Berlinale-Wettbewerb teilnahm. „Das ist für Peru, für unser Land“, rief Llosa freudestrahlend.

Das deutsche Kino überzeugte die Jury dagegen mit Maren Ades fein beobachteter Beziehungsstudie „Alle Anderen“, ein treffendes Porträt der Generation der Dreißigjährigen. Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr erhielt den Silbernen Bären als beste Schauspielerin. „Alle Anderen“ gewann außerdem den Großen Preis der Jury, der zu gleichen Teilen auch an die liebenswerte Tragikomödie „Gigante“ von Adrián Biniez aus Uruguay ging. „Alle Anderen“ ist nach dem Lehrerinnen-Drama „Der Wald vor lauter Bäumen“ erst der zweite Spielfilm der 32-jährigen Ade. Sie produzierte den Film auch selbst. „Ich bin sehr glücklich, auch wenn ich nicht so wirke“, meinte die Regisseurin, die vor Freude ganz aufgelöst war.

Im Rennen um den Goldenen Bären machten nicht die explizit politischen Filme wie der als Favorit gehandelte deutsche Beitrag „Sturm“ von Hans-Christian Schmid über das Haager Kriegsverbrechertribunal oder das US-amerikanische Anti-Kriegsdrama „The Messenger“ von Oren Moverman das Rennen. Die Jury - der neben der britischen Schauspielerin Tilda Swinton als Vorsitzender auch Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief und der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell angehörten - entschied sich für ein Werk, das auf leise, eindringliche Weise Opfer politisch motivierter Gewalt in den Mittelpunkt stellt.

Nachdem das ebenfalls als Bären-Anwärter gehandelte Drama „London River“ des französischen Filmemachers Rachid Bouchareb keinen Goldenen Bären holte, wurde immerhin Hauptdarsteller Sotigui Kouyate („Little Senegal“) aus Mali mit einem Silbernen Bären als bester Schauspieler geehrt. Er begeistert mit der sensiblen Studie eines Mannes zwischen den Kulturen und Religionen - ein Film mit ebenfalls eindeutig politischer Aussage.

Bereits zum Festivalstart hatte die Jury erklärt, dass das Kino mit politischen Botschaften durchaus die Welt verändern könne. Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass der Preis für die beste Regie in den Iran ging. Regisseur Asghar Farhadi beschreibt in „Alles über Elly“ anhand eines dramatisch endenden Wochenendausflugs das Leben der gebildeten iranischen Mittelschicht. Er enthüllt dabei, wie unterschiedlich der Stellenwert von Frauen und Männern in dieser Gesellschaft immer noch ist.

Der Gewinnerfilm „La Teta Asustada“ erzählt schnörkellos und emotional packend ein Frauenschicksal im heutigen Peru. Im Mittelpunkt steht Fausta, beeindruckend gespielt von Magaly Solier. Die Mutter der jungen Frau wurde während des in den 80er und 90er Jahren herrschenden Terrors der Guerilla-Organisation „Leuchtender Pfad“ ein Opfer von Vergewaltigung. Die jetzt erwachsene Tochter, zum Zeitpunkt des Gewaltaktes im Mutterleib, trägt psychisch schwer an den Folgen. Dabei erfährt der Zuschauer nur in Andeutungen von der Vergangenheit.

Nach einem Volksglauben wird der Schmerz der Geschändeten über die Muttermilch an die Nachkommen weitergegeben. Tausende Menschen in Peru leiden an der „La Teta Asustada“ genannten Krankheit, die Schwermut und Ängste auslöst, und für die die Wissenschaft noch keine schlüssige Erklärung hat. Irritierend für das europäische Publikum ist, dass Fausta meint, sich mit einer Kartoffel in der Vagina vor männlicher Gewalt schützen zu können - eine Methode, die zur Zeit des Schreckens von vielen Frauen in Peru angewandt wurde, wie Llosa erklärte.

„Mir ist es wichtig, an die Frauen zu erinnern, die von der Gewalt überrollt wurden, und sie zu ehren. Denn über sie spricht so gut wie niemand in meiner Heimat Peru“, sagte die Regisseurin, die eine Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa ist. Der Film beeindruckt durch stilistische Strenge, ruhige Bilder, wenig Dialoge und den Gesang von Fausta, mit dem sie gegen ihr Leid ankämpft.

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