Analyse: Innenminister nach Panne in Erklärungsnot

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Deutsche Presse-Agentur

Für die Polizei und Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) ist es ein Informations-GAU. Nur gut 24 Stunden nach dem verheerenden Amoklauf von Winnenden hatte der CDU-Politiker der Weltpresse mit großer Geste den erhofften raschen Ermittlungserfolg präsentiert.

Der 17-jährige Todesschütze Tim K. habe seine Tat zuvor in einem Internet-Chatroom angekündigt. Der Eintrag sei von dem Amokläufer, die Polizei habe entsprechende Daten auf dessen PC gefunden, schiebt Rech später nach. Die Spur sei „eindeutig“.

Es läuft wie am Schnürchen. Doch dann kommt der Rückschlag: Die Information über den PC ist falsch. Der eloquente CDU-Minister gerät dadurch in Erklärungsnot und geht am Freitag auf Tauchstation. Dabei ist der 58-Jährige am Tag des Blutbads noch der überzeugende Krisenmanager gewesen, der aber auch mit seinen Gefühlen nicht hinter dem Berg hält. Mit Tränen in den Augen berichtet Rech, selbst Vater von zwei Töchtern, die erschossenen Schüler hätten noch ihre Stifte in der Hand gehabt.

In der Regierung wird die Panne unter der Hand mit der hastigen Suche nach einem Ermittlungserfolg erklärt. Aber warum musste sich Rech so weit aus dem Fenster lehnen? „Eventuell war das ein Übermittlungsfehler“, versucht sich ein Polizeisprecher morgens an einer Erklärung. Inzwischen stellt sich heraus, dass der Computer von Tim K. zum Zeitpunkt der Pressekonferenz noch gar nicht ausgewertet war. Die Polizei in Waiblingen verließ sich auf zwei jugendliche Zeugen, die den Hinweis im Chat-Room gelesen haben wollen.

Der Innenminister selbst geht am Freitag zunächst in der Online- Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ von einer Manipulation aus: „Irgendein Verrückter hat wohl eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt.“ Der Eintrag „muss wohl im Nachhinein konstruiert worden sein“. Auch diese Erklärung deutet darauf hin, dass Rech zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem letzten Stand der Ermittlungen ist.

Denn die Polizei in Waiblingen erklärt nur: Auf dem PC von Tim K. sei nichts gefunden worden. Ob der Eintrag in dem Chatroom dennoch vom Todesschützen ist, wollen Polizei und auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart nicht ausschließen. Vielleicht hatte der 17-Jährige ein Laptop, oder er hat die Botschaft vom Computer eines Freundes abgesetzt.

Selbst Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) widerspricht indirekt seinem Minister. Man werde noch mindestens zwei Tage brauchen, um den Chat-Eintrag zu prüfen, sagt der Regierungschef, nachdem er sich am Freitag in das Kondolenzbuch für die 15 Opfer in Winnenden eingetragen hat. Sicherheitsexperten schütteln den Kopf über Rechs Vorpreschen. So schnell könne man einen solchen Hinweis gar nicht auswerten. „Schon gleich gar nicht, wenn es sich um Eintragungen in ein anonymes Chatforum handelt“, sagt ein Stuttgarter Experte.

Außerdem wird in Sicherheitskreisen die Frage gestellt, warum die Waiblinger Polizisten und nicht die Experten vom Landeskriminalamt (LKA) den Computer auswerten. Rech selbst kontert die Vorwürfe am Nachmittag schriftlich: Es sei richtig gewesen, die Öffentlichkeit über die angebliche Ankündigung des Blutbads im Internet zu informieren. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz am Donnerstagmittag seien die Ermittler überzeugt gewesen, dass sich der Amokläufer wenige Stunden vor der Tat in einem Chatroom offenbart habe. Von einer „peinlichen Panne“ zu sprechen - wie SPD-Landtags- Fraktionschef Claus Schmiedel - sei „beschämend“, findet Rech.

Regierung und Polizei wollen nun verhindern, dass das Ungeschick die gesamte Arbeit und den aufopferungsvollen Einsatz der Ermittler während und nach dem Drama noch mehr überschattet. Am Freitag hieß es, über Zwischenergebnisse bei den Ermittlungen gebe es erstmal keine Auskunft mehr. „Oettinger will keine Abteilungsleiter in Talkshows sehen“, hieß es aus Sicherheitskreisen. Soll heißen: Nur noch einige wenige sollen Auskunft geben.

Die Zuständigen werden demnächst auch die Frage beantworten müssen, warum die anderen Schulen in Winnenden angeblich sehr spät informiert wurden, obwohl der Todesschütze am Vormittag noch mehr als zwei Stunden lang herumlief. Rech widerspricht: Über 600 Polizeibeamte hätten umfassende Maßnahmen ergriffen, um ein weiteres Morden an anderen Schulen zu verhindern.

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