Analyse: Hansens schneller Vertrag bringt Ruhe

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Deutsche Presse-Agentur

Umarmen wollten sich die vier Männer nach der Tarifeinigung bei der Bahn dann doch nicht. „Vielleicht beim nächsten Mal“, flachst Norbert Hansen, Personalvorstand des Staatsunternehmens Deutsche Bahn AG und im vergangenen Jahr noch Chef der größten Bahngewerkschaft Transnet.

Sein Seitenwechsel hatte für viel böses Blut gesorgt und darum ist der relativ geräuschlose Abschluss mit den konkurrierenden Gewerkschaften Transnet, GDBA und GDL umso bemerkenswerter. Dem 56 Jahre alten Hansen ist die Freude und Erleichterung darüber deutlich anzumerken. Das gemeinsame Foto mit den Gewerkschaftschefs Alexander Kirchner, Klaus-Dieter Hommel und Claus Weselsky dokumentiert seinen Erfolg nach außen.

4,5 Prozent mehr in zwei Stufen und 500 Euro Sonderzahlung im Dezember 2009, so stellt sich nach außen die Einigung relativ schlicht dar. Der Teufel steckte bei den fast 40 Stunden langen Marathonverhandlungen im Frankfurter Messehotel in den Details der Arbeitszeitregelung. Seit Jahren verlangten die Gewerkschaften auf diesem Gebiet langfristigere und verlässlichere Planungen, bislang vergeblich. Mit dem Gewerkschafter Hansen auf der anderen Seite des Verhandlungstisches wurde das heikle Thema angepackt. Längere Ruhezeiten und zwölf freie Wochenenden sind den Schichtdienstlern nun sicher, acht davon sollen schon bei Aufstellung eines Jahresplans feststehen.

Ein schneller Abschluss war allein wegen Hansens Intimfeindschaft zur Lokführergewerkschaft GDL kaum zu erwarten, die er in seinen Transnetzeiten mit harten Bandagen angegangen war. Noch in den laufenden Verhandlungen sprach ihm der neue GDL-Chef Claus Weselsky wiederholt und öffentlich das Misstrauen aus. Doch anders als sein Vorgänger Manfred Schell verlegte sich der diplomatischere Sachse am Verhandlungstisch offenbar nicht aufs Poltern. Am Ende lobte er sogar „die vom gegenseitigen Respekt geprägte Gesprächsatmosphäre“.

„Das liegt alles an Hansens Verhandlungsführung“, schwärmen die Bahn-Leute, die sich noch mit Grauen an die giftigen Auseinandersetzungen zwischen Schell und der früheren DB-Personalchefin Margret Suckale vom Vorjahr erinnern. Bereits in der ersten Runde in Berlin kam die Bahn diesmal mit konkreten Zahlen, die trotz ihrer geringen Höhe als Angebot gewertet wurden. Die vierte Runde in Frankfurt begann Hansen mit einem „Eröffnungsangebot“, aus dem am Freitagabend flugs Angebot Nummer 4 und eine ernsthafte Verhandlungsgrundlage wurde. Beim Entgelt floss die Offerte nahezu unverändert in die Einigung ein.

„Meine Loyalität zu den Arbeitnehmern ist nie verloren gegangen. Ich war immer Eisenbahner und bin das jetzt immer noch. Ich bin der einzige Gewerkschafter im Vorstand der Deutschen Bahn“, befindet Hansen im Interview mit der „Welt am Sonntag“ selbst. Sein von Ungeschicklichkeiten begleiteter Seitenwechsel, sein Einsatz für den Börsengang der Bahn und sein Auskeilen gegen die GDL hatte das Binnenklima beim Verkehrskonzern in Staatsbesitz erheblich belastet. Die Transnet, mit 235 000 Mitgliedern die mit Abstand größte der drei konkurrierenden Bahngewerkschaften, stürzte nach Hansens Abgang in eine Führungskrise und verlor etliche Mitglieder.

An den Fähigkeiten des Nordfriesen als Tarifverhandlungsführer dürfte es nach der schnellen Einigung von Frankfurt kaum noch Zweifel geben. Hansens Nachfolger an der Transnet-Spitze, Alexander Kirchner, hat dem körperlich mächtigen Norddeutschen bescheinigt, die Position des Personalvorstands inzwischen voll auszufüllen. Mit dem unterschriftsreifen Vertrag von Frankfurt hat das Staatsunternehmen wenigstens an der Tarif- und Streikfront Ruhe und kann sich dem kriselnden Gütergeschäft, dem drohenden Verlust von Regio-Aufträgen und der politischen Bewältigung der Datenaffäre widmen.

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