Analyse: Guttenberg muss rasch Flagge zeigen

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Deutsche Presse-Agentur

Er habe in der familiären Unternehmensgruppe und im Aufsichtsrat des börsennotierten Klinik-Konzerns Rhön Management-Erfahrung gesammelt: „Da lernt man einiges an Rüstzeug“, sagte der Spross eines fränkischen Adelsgeschlechts.

Volle Rückendeckung erhielt der CSU-Shootingstar von höchster Stelle. „Ich bin überzeugt, dass er seine Arbeit exzellent machen wird“, sagte Kanzlerin Angela Merkel. Das Lob verknüpfte sie gleich mit dem Arbeitsauftrag, dass Guttenberg bei der Umsetzung des 50-Milliarden-Konjunkturprogramms tatkräftig mitzieht.

Dass der 37-Jährige in Wirtschaftsfragen als unbeschriebenes Blatt gilt, stört die CDU-Chefin nach dem Glos-Schock nicht. Sein großer internationaler Erfahrungsschatz werde ihm helfen. CSU-Chef Horst Seehofer berichtete, er sei schon etwas neidisch gewesen, wie Guttenberg auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit dem britischen Außenminister fließend auf Englisch parliert habe.

Tatsächlich hat sich Guttenberg in den vergangenen Jahren in Berlin als kenntnisreicher Außenpolitiker einen Namen gemacht. Er nahm Gesprächspartner mit neuen Ideen für sich ein; plattes Draufhauen ist seine Sache nicht. Jetzt aber muss er als jüngster Wirtschaftsminister aller Zeiten in ein größeres Haifischbecken springen.

In dem Job, den der frustrierte „Michel“ Glos seinem Parteichef Seehofer und der Kanzlerin vor die Füße warf, muss er zeigen, dass die Union in Zeiten der schlimmsten Rezession sich nicht nur in Festreden ihres Übervaters Ludwig Erhard rühmt, sondern eine glaubwürdige Wirtschaftspolitik betreibt.

Viel Zeit bleibt dem christsozialen Überflieger, den alle „KT“ rufen, bis zum Wahltag Ende September nicht. Die Ausgangslage sei dennoch gut, heißt es im Umfeld des Ministeriums: „Er kann sich als Krisenmanager total profilieren.“ Den Start erleichtern wird ihm ein eingespielter Apparat von 1500 Beamten. Als Mann für alle Fälle kann er auf den emsigen Staatssekretär Walther Otremba bauen. Chancen zu zeigen, was in ihm steckt, wird es für den CSU-Aufsteiger reichlich geben. Bald geht es um die Enteignung der HRE-Aktionäre und den neuen 100-Milliarden-Schutzschirm für die Industrie.

Guttenberg muss dann entscheiden, wem der Staat mit Bürgschaften und Krediten in der Krise unter die Arme greift. Der erste große Antrag wird den CSU-Wunderknaben wohl prompt in die fränkische Heimat führen. Die Schaeffler-Gruppe will vom Bund bis zu vier Milliarden Euro Unterstützung, um die Conti-Übernahme zu retten. Ein kniffliger Fall für den Einser-Juristen mit den zehn Vornamen: Hilft der Staat einer Milliardärin, die sich am Finanzmarkt verzockt hat?

Der Finanzminister hat hier klare Kante gezeigt und will kein Steuergeld herausrücken. Mit Peer Steinbrück wird sich der neue Wirtschaftsminister immer wieder duellieren müssen. Von Guttenberg ist zu erwarten, dass er dem beinharten SPD-Mann stärker widersteht als Glos. Das war schon in seiner Zeit als CSU-General zu sehen, als Guttenberg dem Finanzminister schon mal den Rücktritt nahelegte oder eine fehlende diplomatische Kinderstube unterstellte.

Als zweite Waffe gegen „KT“ kann die SPD im bald tobenden Wahlkampf Sigmar Gabriel einsetzen. Der Umweltminister hatte Glos immer wieder vorgeführt und dürfte sich auch Guttenberg vornehmen, wenn es um die neue Kfz-Steuer oder die Atomkraft geht. Neben diesen Scharmützeln muss sich Guttenberg auch auf unfreundlichere Schlagzeilen einstellen, wenn immer düstere Konjunkturzahlen zu verkünden sind. Behält Guttenberg kühlen Kopf und vermeidet handwerkliche Patzer, dürfte er unabhängig vom Wahlausgang eine glänzende Zukunft in der Union haben.

Dass er seine Überzeugungen durchzusetzen versteht, hat der standesgemäß mit Stefanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen verheiratete Blaublüter schon bewiesen. In der CSU-Parteizentrale feuerte er einen engen Mitarbeiter, weil der als Jugendlicher auf einem 16 Jahre altem Foto mit Hitler-Gruß zu sehen war: „Das ist für mich inakzeptabel, gerade bei der Geschichte meiner Familie.“ Im Dritten Reich waren sowohl Guttenbergs Großvater als auch ein wenige Tage vor Kriegsende hingerichteter Onkel im Widerstand gegen Hitler aktiv.

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